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Dioxin-Verseuchung : Mehr als 1000 Betriebe gesperrt

Weil sie mit Dioxin verseuchtes Futter kauften, werden allein in Niedersachsen rund 1000 landwirtschaftliche Betriebe gesperrt. Das ganze Ausmaß des Skandals ist noch nicht abzuschätzen. Auch andere Bundesländer sind betroffen, darunter Brandenburg.

Mit Dioxin verseuchtes Futter ist an hunderte Betriebe in mehreren Bundesländern verkauft worden. Allein in Niedersachsen wurden am Montagnachmittag rund 1000 Legehennen- Farmen, Schweine- und Putenzuchtbetriebe gesperrt. Ein Sprecher des Agrarministeriums in Hannover sagte: "Wir legen erstmal alles still. Der Verbraucherschutz geht vor." Auch in Sachsen-Anhalt wurden Betriebe gesperrt.

Der Skandal um Dioxin in Futtermitteln hat auch Brandenburg erreicht. Ein märkischer Schweineaufzuchtbetrieb habe Futter aus einem Mischfutterwerk in Sachsen-Anhalt bezogen, der seit einigen Tagen unter Dioxin-Verdacht stehe, sagte die Sprecherin des Verbraucherschutzministeriums, Alrun Nüßlein, in Potsdam und bestätigte damit einen Vorabbericht der "Märkischen Allgemeinen Zeitung". Der Betrieb sei vorsorglich gesperrt worden.

Derzeit seien vom Landkreis beauftragte Prüfer auf dem Gelände und nähmen Proben von dem bereits im November gelieferten Futtermittel, sagte Nüßlein. Da es sich nicht um einen Schweinemastbetrieb, sondern um einen Betrieb für Jungsauen und Ferkel handle, bestehe für die Verbraucher derzeit keine Gefahr. Das Fleisch der Tiere sei "nicht zum sofortigen Verzehr bestimmt", sagte sie.

In Thüringen wurde bekannt, dass eine Schweinezuchtanlage 52 Tonnen belastetes Futter von einem Werk aus Sachsen-Anhalt bekommen und komplett verfüttert hat. Die damit versorgten Ferkel seien bereits verkauft, teilte das Agrarministerium in Erfurt mit. Wohin, müsse nun geklärt werden.

Mittlerweile zeichnet sich ab, dass das Dioxin von einem Biodiesel-Hersteller im niedersächsischen Emden stammt. Er hatte dem schleswig-holsteinischen Futtermittelhersteller Harles & Jentzsch nach dessen Angaben belastete Fettsäure geliefert, die weitergereicht und zu etlichen Tonnen Futtermittel verarbeitet wurde.

8000 Legehennen getötet

In Nordrhein-Westfalen wurden am Montag 8000 Legehennen getötet, die mit Dioxin verseuchtes Futter gefressen hatten. Die Tiere einer Hühnerfarm im Kreis Soest sollten nach Auskunft des Kreisveterinärs Wilfried Hopp verbrannt werden. Er rechnet damit, dass etwa 120.000 dioxinbelastete Eier des Betriebes in den Verkauf gelangt sind. "Wir bekommen noch einige tausend aus dem Handel zurück."

Die Anlage mit rund 80.000 Legehennen war am 23. Dezember gesperrt worden. Bei einem Teil der Eier waren vierfach überhöhte Dioxinwerte gemessen worden. Insgesamt 14 Betriebe in Nordrhein-Westfalen und 20 in Niedersachsen durften weiter weder Eier noch Fleisch ausliefern, weil sie belastetes Futter verwendet haben sollen. Die belasteten Eier müssten unter Umständen in Tierkörper-Verwertungsanlagen beseitigt werden, sagte der Vorsitzende des Landesverbandes der niedersächsischen Geflügelwirtschaft, Wilhelm Hoffrogge.

Die Behörden wollten weiter die Vertriebswege analysieren, auf denen mit Dioxin verseuchtes Fett zu Futtermittel-Herstellern und schließlich zu Hühnerfarmen und anderen Betrieben gelangt ist. Dazu gab es auch eine telefonische Absprache der Ministerien betroffener Bundesländer.

Die Staatsanwaltschaft Itzehoe nahm Ermittlungen auf. "Wir prüfen, ob eine Straftat vorliegt", sagte Oberstaatsanwalt Ralph Döpper. Die mit Dioxin verseuchte Fettsäure stammte von einer Biodiesel-Anlage der Petrotec AG in Emden, sagte der Geschäftsführer von Harles & Jentzsch, Siegfried Sievert, in Uetersen. Bei der Herstellung von Biodiesel aus Palm-, Soja- und Rapsöl entstehe eine pflanzliche Mischfettsäure. Diese habe Harles & Jentzsch gelegentlich erworben. Petrotec stellt Biodiesel aus alten Speisefetten her. Das Unternehmen wollte zunächst keine Stellungnahme abgeben, kündigte aber eine Mitteilung zum Thema an.

"Wie da Dioxin hineinkommt, ist mir unerklärlich"

Fachleute fanden zunächst keine Erklärung für die Dioxin-Belastung, da das Gift bei der Herstellung von Pflanzenkraftstoffen normalerweise gar nicht entsteht. "Wie da Dioxin hineinkommt, ist mir unerklärlich", sagte der Bioenergie-Experte der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe, Dietmar Kemnitz.

Bei der regulären Herstellung von Biodiesel würden die für die Entstehung von Dioxin notwendigen Temperaturen gar nicht erreicht. Auch das Element Chlor, das dabei eine Rolle spiele, habe nichts mit dem Biodiesel-Prozess zu tun. Dieter Bockey von der Union für Oel und Proteinpflanzen vermutete, dass das pflanzliche Öl durch Erdöl oder Produkte daraus verunreinigt wurde.

Bei Harles & Jentzsch waren am Sonntag etwa 100 Proben genommen worden. Die Ergebnisse sollen aber erst Anfang nächster Woche vorliegen, weil der Nachweis von Dioxin aufwendig ist, hieß es beim Umweltministeriums in Kiel. Neben dieser Firma könnten ersten Erkenntnissen nach Futtermittelhersteller in Niedersachsen, Sachsen- Anhalt und Hamburg betroffen sein.

Ein Ministeriumssprecher umriss die Schwierigkeit, einen Überblick zu bekommen: Das Uetersener Unternehmen habe die Mischfettsäure direkt zur Weiterverarbeitung an einen Betrieb in Niedersachsen schicken lassen. Dort sei sogenannte Futterfett-Rohware hergestellt worden. Diese wiederum sei verschiedenen Futtermittelherstellern geschickt worden, die daraus Tier-Mischfutter als Endprodukt hergestellt hätten. Das wiederum wurde an etliche Betriebe geliefert. Es sei deshalb noch unklar, ob und in welchen Konzentrationen verschiedene Futtermittel mit Dioxin belastet seien. (dpa/dapd)

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