Welt : Disco-Anschlag in Tel Aviv: In Trance

Patrick Goldfein

Der Wodka, in dem Viktor Madbadenko die Trauer der letzten Tage ertränkt hat, hat seine Spuren hinterlassen. Mit glasigen Augen sitzt er im spärlich eingerichteten Wohnzimmer seiner kleinen Wohnung in Jad Elijahu, einer der ärmsten Gegenden Tel Avivs, und spricht in gebrochenem Hebräisch von Mariana. Mariana ist seine 16-jährige Tochter - drei Tage ist es her, dass er sie beerdigt hat. Es hat Mariana getroffen, weil sie ausgegangen und nicht, wie sonst, zu Hause geblieben ist. Es war das zweite Mal in ihrem Leben, dass Mariana in eine Disco wollte. Eine gute Freundin hatte Geburtstag. Marianas Mutter Tanja hatte sich gefreut, dass ihre älteste Tochter endlich einmal tanzen geht. "Sie war so ehrgeizig, hat immer nur gelernt und ihre Mathematik-Aufgaben gemacht. Discos und Jungs haben ihr noch nichts bedeutet", sagt sie und vergräbt den Kopf in ihren Händen.

Am Freitag vor einer Woche, spät abends, steht Mariana mit ihren Freundinnen vor der Discothek "Dolphy", sie warten darauf, dass der Türsteher sie reinlässt. Sie reden und lachen, als sich um 23 Uhr 35 ein junger Palästinenser in die Luft sprengt. Den Knall kann man überall in Tel Aviv hören, auch im Wohnzimmer der Madbadenkos. Im ersten Moment lachen sie. "Vielleicht werden endlich die hässlichen Häuser in der Nachbarschaft in die Luft gesprengt", scherzt der Vater. Doch eine halbe Stunde später kommt im Fernsehen die Nachricht von der Bombe. Mit dem Taxi fährt Viktor Madbadenko von einem Krankenhaus zum nächsten, doch seine Tochter ist nicht zu finden. Ihr Mobiltelefon ist aus. Als er das Leichenschauhaus betritt, betet er zu den Göttern dieser Welt, dass sein Mädchen hier nicht sein möge. Doch wenige Minuten später muss er Marianas Leiche identifizieren.

Bis gestern waren Mariana und ihre Freundinnen die jüngsten Opfer des Nahost-Konflikts. Nach dem Selbstmordanschlag auf die Disco-Besucher herrschte Waffenruhe; in der Nacht zum Sonntag sind im Gaza-Streifen drei Beduinen-Frauen von israelischen Panzergranaten getötet worden. In Tel Aviv, der pulsierenden Stadt am Mittelmeer, hat man lange in dem trügerischen Glauben gelebt, dass man hier halbwegs sicher sei. Der Anschlag auf das Dizengoff Center, ein Einkaufszentrum in der Stadtmitte, liegt fünf Jahre zurück, seitdem hatte es in Tel Aviv nicht mehr geknallt. Als in den vergangenen Monaten Bomben in Netanja und Jerusalem explodierten, konnte das die Tel Aviver nur für einige Minuten aus der Partystimmung bringen. An die Fernsehbilder von den Unruhen in den besetzten Gebieten, gerade einmal 60 Kilometer entfernt, hat man sich hier längst gewöhnt. Die meisten haben einfach aufgehört, Nachrichten zu schauen und sich für Politik zu interessieren. Die Jüngeren flüchteten in eine innere Emigration aus Techno, Trance und Ecstasy, die Älteren gingen relativ unbeschwert ins Theater, die Oper und flanierten auf der Strandpromenade. Doch seit Freitag, dem 1. Juni, 23 Uhr 35, ist alles anders. Der Nahostkonflikt hat den Lautsprecherboxen der Nachtclubs den Strom abgedreht. Diese Bombe galt der Spaßgesellschaft, nicht den unbeugsamen Siedlern oder religiösen Fanatikern. Und sie hat die Stadt an ihrer verwundbarsten Stelle getroffen: mitten in der Disco-Warteschlange. Dieser Anschlag galt jedem Einzelnen, der sich Nacht für Nacht in den zahllosen Discos der Stadt abzulenken versucht.

Es scheint, als hätte jemand der Stadt ihr Lächeln geraubt. Die Straßen bleiben nachts leer, nur wenige sitzen in den Cafés. Die Stadt steht unter Schock. Nur die Pizza-Lieferanten und Videotheken profitieren von der angespannten Situation: Eltern leihen sich Kassetten aus, damit ihre Kinder am Abend nicht auf der Strandpromenade umherziehen.

Auch die Madbadenkos sind jetzt zu Hause. Während der Trauerzeit, die im Judentum am Tag der Beerdigung beginnt und sieben Tage dauert, kommen die engsten Freunde vorbei, um sie moralisch zu unterstützen. Erst vor zweieinhalb Jahren sind die Madbadenkos mit ihren vier Kindern aus Sibirien nach Israel ausgewandert. In der russischen Heimat hatte Viktor Madbadenko Schwierigkeiten wegen seines jüdischen Familiennamens Blitzblau bekommen; deshalb hat er ihn geändert. Weil er seinen vier Kindern Mariana, Sofa, Viktor und Aleks Ähnliches ersparen wollte, wanderte die Familie ins Heilige Land aus. Doch in Israel fiel ihr das Einleben schwer. Die Eltern sprechen kaum Hebräisch, sie sind arbeitslos und leben von staatlicher Unterstützung. An der Wand hängt ein Bild von Viktor Madbadenkos Vater, der eine sowjetische Offiziersuniform aus dem Zweiten Weltkrieg trägt, daneben sind Verdienstorden angebracht. Die Madbadenkos besitzen nur russische Bücher; allein die Kinder sprechen fließend Hebräisch. Ihnen fällt es leichter in diesem fremden Land, das zwar die Heimat der Juden ist, aber noch nicht ihre. "Mariana wollte sich immer israelisch fühlen", erzählt Tanja Madbadenko, "ihr größter Traum war es, wie die anderen nach der Schule in die Armee zu gehen."

In der Armee sind in Israel alle gleich. In ihr tun Juden aus aller Welt Dienst, egal, welcher Herkunft sie sind. Nie zuvor und nie danach sind sich amerikanische, russische oder orientalische Einwanderer und die in Israel geborenen Jugendlichen so nahe wie in den drei Jahren Militärdienst. Ansonsten bleiben die Gruppen unter sich, vor allem die Russen. Sie haben 13 verschiedene Zeitungen, zwei eigene Radiostationen und drei russische Fernsehsender, die aus Moskau ins israelische Kabelnetz gespeist werden. Es gibt in Israel zwei russische Parteien. Und die russischen Jugendlichen gehen in ihre eigenen Discotheken.

Dass sich der Attentäter jetzt ausgerechnet vor solch einer russischen Disco in die Luft gejagt hat, ist Zufall. Fast alle der 20 Todesopfer sind in der ehemaligen Sowjetunion geboren - und plötzlich entdeckt Israel die Russen: Die Zeitungen drucken Reportagen über das Leben der Getöteten. Im Radio werden die russischen Lieblingslieder der Opfer gespielt, und ihre Eltern berichten von Integrationsproblemen. Es scheint, als hätten die Russen durch das Attentat ihre Eintrittskarte für die israelische Gesellschaft gelöst.

Matty Hasan war Marianas Lehrerin im Tel Aviver "Shewach"-Gymnasium, einer hauptsächlich von russischen Einwanderen besuchten Schule. Sie sagt, dass sich ihre Schüler seit dem Anschlag "israelischer" als zuvor fühlten. Die Opfer seien als Israelis gestorben. Fünf ihrer Schüler sind an jenem Freitag ums Leben gekommen; einige liegen noch immer im Krankenhaus. Im Gang haben die Schüler die Bilder der Toten an eine Wand gepinnt. Daneben hängen Gedichte und Briefe, die sie für die Opfer geschrieben haben. Auch der gelbe Flyer des Clubs klebt hier, mit dem Mariana und ihre Freundinnen zur Party ins "Dolphy" eingeladen worden waren.

Am vergangenen Wochenende hatten die meisten Clubs der Stadt wieder geöffnet.Doch nichts ist mehr so wie vor der Bombe: Im Hafenviertel, der größten Partyzone der Stadt, stehen an jeder Ecke Sicherheitsleute; vor den Clubs parken die Wagen des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet. Vor der Disco müssen sich die Jugendlichen auf Waffen durchsuchen lassen.

Nur eine Woche nach dem Anschlag scheint es unmöglich, zur Tagesordnung überzugehen. Orna ist mit ihren Freundinnen Moran und Tahel hergekommen. "Aber wie kann man Party machen, wenn es hier mehr Polizisten als Partyleute gibt?", fragt sie. "Ich habe große Angst vor einem Anschlag, aber irgendwie muss man ja weiterleben. Ich kann doch jetzt nicht einfach zu Hause bleiben." Und Moran fügt hinzu: "In Israel ist man doch ständig in Gefahr, in die Luft zu fliegen. Ich fahre jeden Tag zweimal mit dem Bus, das ist doch noch viel gefährlicher als in die Disco zu gehen."

In den Discotheken am Dolphinarium wird eine Woche nach dem Anschlag noch nicht getanzt. Die großen Nachtclubs Pascha und Infinity, die sich unmittelbar neben dem Unglücksort befinden, bleiben diese Woche noch geschlossen. Vor dem Dolphy liegt ein Meer von Blumen. Die Bilder der 20 Opfer sind aufgestellt, davor brennen Hunderte Kerzen. Viele Tel Aviver kommen an diesem Schabbat-Abend hierher, um kurz in sich zu gehen und der Opfer zu gedenken. Einige wenige fordern lauthals Rache; Arafat müsse für das Attentat zahlen. Doch als eine Frau die Nationalhymne "Hatikva" anstimmt, die übersetzt die "Hoffnung" heißt, singen alle mit, und die Schreier verstummen.

Auch Viktor Madbadenko ist hergekommen. Er sitzt auf dem Boden, in seinen Händen hält er das Bild seiner Tochter. Fernsehkameras sind auf ihn gerichtet. Mit leiser Stimme spricht er vor sich hin. Auf Russisch.

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