Discovery : Notfallpläne mit Tücken

Beim Anflug auf die Internationale Raumstation wurde die "Discovery" gefilmt. Die Auswertung der Aufnahmen wird darüber entscheiden, wie und wann die sieben Astronauten zur Erde zurückkehren.

Houston/Washington/Moskau (28.07.2005, 15:16 Uhr) - Besorgnis ja, schlaflose Nächte nein: Nach den Beschädigungen an drei Hitzekacheln der Raumfähre «Discovery» äußert der stellvertretende Programmdirektor Wayne Hale noch volles Vertrauen in das Hitzeschild. Am Donnerstag wurden die beschädigten Stellen beim Anflug an die Internationale Raumstation ISS gefilmt, und am Freitag sollen sie mit einem Laser des «sehenden Roboterarms» an der Raumfähre gescannt werden. Danach weiß die NASA, ob sie sich auf eine spektakuläre Rettungsaktion der siebenköpfigen Crew oder eine normale Rückkehr der «Discovery» einstellen kann.

Der einfachste und von der Crew bevorzugte Rettungsplan schied schon am zweiten Tag nach dem Start der «Discovery» aus. Die NASA kann derzeit kein anderes Space-Shuttle zur ISS fliegen lassen, um die Crew im Ernstfall dort abzuholen. Weil sich wieder ein großes Stück Schaumstoffisolation vom Außentank der Raumfähre löste, werden die beiden anderen Space-Shuttle, die «Atlantis» und die «Endeavour», bis zur Lösung des Problems am Boden bleiben. Sonst hätte die «Atlantis» nach den Worten von Programmdirektor Bill Parsons innerhalb von 25 bis 30 Tagen für einen Rettungsflug flott gemacht werden können.

Auch die letzte verbliebene Option der NASA, allein aus eigener Kraft und ohne Prestigeverlust die Astronauten zurückzuholen, hat ihre Tücken. An Bord der «Discovery» befindet sich erstmals ein Notfallkoffer zur Reparatur der Außenhaut. Die Besatzung soll während der Weltraumausflüge zwei neue Techniken zur Reparatur von Hitzekacheln und der besonders verstärkten hitzebeständigen Schicht an der Nase und den Flügeln testen. Dabei wird eine Art klebrige Masse auf beschädigte Stellen aufgetragen.

Eine dritte neue Technik sieht vor, eine Spindel mit einem flachen Metalldeckel in das betreffende Loch in der Außenhaut einzulassen. Das Metallschild würde die beschädigte Stelle wie ein Schirm schützen, schreibt die «Los Angeles Times». Die Astronauten hätten aber zu verstehen gegeben, dass sie nur sehr widerwillig ihr Leben einer noch nie zuvor getesteten Technologie anvertrauen würden.

Ein unbefristeter Aufenthalt der Crew in der Internationalen Raumstation hängt vor allem davon ab, wie lange die NASA bis zur Lösung ihres Problems mit dem Schaumstoff braucht und wie der Nachschub an Verpflegung organisiert wird. Nach Einschätzung russischer Experten reicht im Notfall das Essen und Trinken nur einen Monat. Der nächste unbemannte Transportflug mit einem russischen Raumfrachter vom Typ Progress zur Versorgung der ISS ist erst für den 8. September geplant.

Abgesehen vom Prestigeverlust für die NASA ist es nach Ansicht der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos grundsätzlich nicht möglich, die «Discovery»-Besatzung mit russischer Technik zur Erde zurückzubringen. Für die mitunter harte Landung der russischen «Sojus»-Kapseln müsse jeder Kosmonaut an Bord in speziell auf ihn zugeschnittenen Schalensitzen festgeschnallt werden. Diese russischen Sonderanfertigungen gebe es für die sieben «Discovery»-Astronauten nicht. Zudem sei die US-Crew körperlich nicht auf eine Landung in der an einem Fallschirm hängenden Kapsel vorbereitet.

Selbst wenn man das Risko einginge, bleiben nach Einschätzung russischer Experten bilaterale Hindernisse. Für die Rettung wären drei «Sojus»-Kapseln notwendig, die die NASA bei den Russen kaufen müsste. Bislang verbiete aber ein Gesetz in den USA den Erwerb russischer Raumfahrttechnik. (Von Stefan Voß und Hans Dahne, dpa)

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