Discovery : Reise zur Weltraum-WG

Der deutsche Astronaut Thomas Reiter soll am 1. Juni mit der Discovery zur Internationalen Raumstation ISS aufbrechen - wenn Wetter und Technik mitspielen. Noch sind die Sicherheitsprobleme der Shuttles nicht vollständig beseitigt.

Washington - Der für Samstag geplante Discovery-Start ist der zweite Shuttle-Flug seit dem Columbia-Absturz vom Februar 2003. Mit an Bord sein wird Thomas Reiter, der als erster Deutscher die Internationale Raumstation ISS besuchen und dort sechs oder sieben Monate bleiben soll. Der 48-jährige Hesse, der in den 90er Jahren schon 179 Tage an Bord der russischen Raumstation Mir verbrachte, wird bei planmäßigem Verlauf seiner neuen Mission in den erlesenen Kreis jener Astronauten aufsteigen, die insgesamt ein Jahr im All waren.

Nach den Pannen beim Discovery-Flug im vergangenen Sommer hatte die US-Raumfahrtbehörde die neue Mission immer wieder hinausgeschoben, um auf Nummer sicher zu gehen. Nasa-Chef Michael Griffin sieht die Risiken inzwischen auf ein akzeptables Niveau minimiert - eine Gefahr für das Leben der Crew bestehe nicht, versichert er. Allerdings hatten sowohl Nasa-Chefingenieur Chris Scolese als auch Luftsicherheitschef Bryan O'Connor vergeblich zu verhindern versucht, dass der Start schon zwischen dem 1. und 19. Juli angesetzt wurde. Sie befürchten, dass trotz der aufwändigen Umbauarbeiten erneut Schaumstoff von der Isolierung des Außentanks abbrechen und die Raumfähre beschädigen könnte.

Nach Einschätzung aber auch von O'Connor und Scolese sind die Stücke, die daraus abbrechen könnten, nicht groß genug, um wirklich verheerenden Schaden anrichten zu können. Griffin betont im Übrigen, dass kein Shuttle-Flug völlig gefahrlos sei: "Wir müssen bestimmte Risiken akzeptieren." Auch Thomas Reiter betont, die Shuttles seien wegen der vielen Modifikationen so sicher wie "noch nie". Seine Gelassenheit wurzelt in einer langen Astronauten-Erfahrung. Der frühere Kampfjet-Pilot der Bundeswehr war bereits von September 1995 bis Februar 1996 an Bord der Mir. Und auf seine neue Mission - den ersten Langzeitaufenthalt eines Astronauten der europäischen Raumfahrtagentur ESA an Bord der ISS - bereitet er sich seit zwei Jahren vor. In der Raumstation soll Reiter mit dem Russen Pawel Winogradow und dem US-Astronaut Jeffrey Williams zusammenziehen, die schon seit drei Monaten im All sind. Der Deutsche soll während seines Aufenthalts zahlreiche wissenschaftliche Experimente ausführen und einen Weltraumspaziergang unternehmen.

Die übrigen sechs Discovery-Astronauten sollen dagegen nach 13 Tagen im All zur Erde zurückkehren. Sollte aber ein größeres Sicherheitsproblem auftreten, könnte es für längere Zeit enger werden in der Weltraum-WG: Denn dann muss die Discovery-Crew eventuell in der ISS ausharren, bis sie von einem anderen Shuttle oder einer russischen Sojus-Kapsel abgeholt wird. Sollte dieses Szenario eintreten, würde die Nasa zwar weiter an Ansehen und Vertrauen verlieren. Vorangehen will sie mit der Mission aber dennoch, weil sie unter massivem Zeitdruck steht: 2010 sollen die Shuttles aus dem Verkehr gezogen werden, bis dahin aber müssen sie noch ganze 16 Flüge zur ISS absolvieren, damit die Bauarbeiten an der Raumstation fertig werden.

Sollte es gar zu einem neuen Desaster mit tödlichen Folgen kommen, dann würde dies wohl das vorzeitige Aus für die Shuttles bedeuten, wie Griffin einräumt. Die bemannte Raumfahrt der USA wäre dann für lange Zeit auf Eis gelegt. Denn die Arbeiten am "Crew Exploration Vehicle" (CEV), das die Shuttles ablösen und bis 2020 Astronauten zum Mond und danach zum Mars bringen soll, stecken noch ganz in den Anfängen. (Von Daniel Jahn, AFP)

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