Welt : Diskretion: Kannst Du schweigen?

Andreas Austilat

Die Meldung kam vor zwei Wochen. "Alles Schwindel", behauptete der amerikanische Enthüllungsautor Ralph Rene, die erste Mondlandung habe nie stattgefunden. Und den Beweis hat er auch gleich vorgelegt: Das Sternenbanner! Es flatterte während der Übertragung, statt still und steif am Mast zu stehen, wie es sich für den Mond gehört. Das Unternehmen, so sein kühner Schluss, habe sich in Wirklichkeit in der Wüste von Nevada abgespielt.

Ein Staatsgeheimnis? Kaum vorstellbar. Und zwar - Fahne hin oder her - allein aus einem Grund: Über 30 Jahre ist die Mission jetzt her, ungeheuer viele Leute waren daran beteiligt - und alle hätten bis heute schweigen müssen.

Boris Becker, Bill Clinton und Christoph Daum, sie alle hatten ein Geheimnis. Zumindest für letzteren war es sogar von existenzgefährdender Tragweite. Trotzdem, der Seitensprung, die Lewinsky-Affäre, das Kokain, alles kam raus, und zwar ziemlich schnell. Nicht einmal ausgeschlossen, dass die Betroffenen selbst entscheidende Hinweise gegeben haben, dass sie den Falschen ins Vertrauen zogen. Warum aber sollten sie das getan haben, warum werden wir zuweilen zu Verrätern in eigener Sache?

"Aus allen Poren dringt Verrat"

Weil wir nicht anders können, glaubte Sigmund Freud. "Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, überzeugt sich, dass die Sterblichen kein Geheimnis verbergen können", behauptete er, denn: "Wessen Lippen schweigen, der schwätzt mit den Fingerspitzen, aus allen Poren dringt ihm der Verrat." Auch wenn wir also gar nichts sagen, die feuchte Hand, das Erröten, ein Lächeln am falschen Platz, sie sind Indizien des nicht zu bändigen Mitteilungstriebs.

Lange blieb Freuds These unwidersprochen, heute sind sich die Psychologen da nicht mehr so sicher. Selbst Profis aus Polizei, Justiz und Geheimdienst lassen sich nicht viel schwerer täuschen als der durchschnittliche Rest der Bevölkerung. Dafür leiden sie zuweilen schwer unter der Last, den Mund halten zu müssen. Günter Bohnsack zum Beispiel war 26 Jahre beim Geheimdienst, genauer bei der Staatssicherheit der DDR. Da hat er es kennen gelernt, dieses "hemmungslose Mitteilungsbedürfnis". Ein Kollege etwa, Agent in Köln, von dem wusste er, dass er Selbstgespräche führte, um sich überhaupt jemandem mitteilen zu können. Bohnsack selbst ertrug die Heimlichkeit am Ende auch nicht mehr, "das verordnete Schweigen, diese ganzen falschen Geschichten", hinter denen sich das Geheimnis um seine wahre Identität verbarg, "irgendwann kippt das um".

Ist es also eine Art Selbstschutz, der uns zur Plaudertasche macht? Natürlich gibt es dieses Bedürfnis, sich zu entlasten, sagt der Göttinger Psychologe und Geheimnisforscher Albert Spitznagel. Nicht ausgeschlossen, dass das ständige Unterdrücken eines Geheimnisses gewissermaßen auf den Magen schlage, dass der Verdrängungsstress in psychosomatische Störungen münde - wenngleich er diese Ansicht nicht teilt. Immerhin, Clinton oder Daum, sie wussten ja, was auf sie zukommen würde, wenn alle Welt erführe, was sie so umtreibt. Das Geheimnis gewährt uns Schutz. Und andere erfolgversprechende Strategien helfen einem durchaus, die Last des Verschweigens zu mindern. Die Schauspielerin Liselotte Pulver etwa bekannte einmal, seit ihrer Kindheit ihrem Tagebuch Dinge anzuvertrauen, die sie niemandem erzählen könnte, "weil die Leute ja quatschten". Beim Tagebuch aber empfinde sie schon im Augenblick des Niederschreibens Erleichterung.

Bleiben die so genannten Nachentscheidungskonflikte. Die können sensiblen Gemütern schon in vergleichsweise banalen Lebensfragen zu schaffen machen. "Kaufe ich mir etwa ein Auto", so Spitzvogel, "bin ich hinterher nicht davor gefeit, mich immer wieder zu fragen, ob die Wahl wohl die richtige wahr". Habe ich meine Frau betrogen und mich zum Verheimlichen der Affäre entschlossen, ist dieses Schweigen ja keine unumkehrbare Entscheidung. Im Gegenteil, Geheimnisse sind sehr anfällig dafür, immer wieder auf den Prüfstand zu kommen. Vor allem dann, wenn erst mit der Offenlegung innere Ruhe zu erwarten ist.

Stabil muss also sein, wer der Empfehlung des "Spiegel" folgt. Das Blatt riet kürzlich allen potenziellen Seitenspringern, die Verfehlung lieber für sich zu behalten. Offenheit bringe bloß Schmerz. Eine riskante Strategie, findet Spitzvogel: "Denn wenn die Geschichte rauskommt, ist erst recht alles aus." Zu der Affäre kommt jetzt noch die schwer zu ertragende Erkenntnis, nicht mehr in alle Geheimnisse eingeweiht zu sein. Ein doppelter Vertrauensbruch, weshalb hintergangene Partner im Falle einer Aussprache auch gern jedes Detail des Fehltritts wissen wollen.

Geheimnisse bewegen eben nicht nur unser Innerstes. Sie haben eine zweite, vielleicht viel wichtigere Seite. Sie bringen Struktur in unser soziales Leben. Das lernen schon die Kleinen in dem Moment, wo sie merken, wie attraktiv ein Geheimnis sie machen kann. "Ich weiß etwas, was Du nicht weißt", der Satz rückt sie augenblicklich in den Mittelpunkt des Interesses. Allerdings lernen sie im gleichen Moment noch eine zweite Lektion: Nichts fordert unsere Neugier so sehr heraus, wie das Wissen um die bloße Existenz eines Geheimnisses.

Das fremde Haar auf dem Jackett, die unbedachte Äußerung, das Flattern einer Fahne, "jedes Zeichen, das einen gewissen Interpretationsspielraum zulässt, mobilisiert unsere Aufmerksamkeit und zwar um so stärker, je bedeutsamer es uns erscheint", schreibt der Publizist Joachim Westerbarkey. Manchmal ist es nur ein Gerücht. Aber solch ein Gerücht war es, das der Internet-Journalist Matt Drudge über die Lewinsky-Affäre in die Welt setzte - und der Skandal nahm seinen Lauf.

Schon mancher, der ein Geheimnis bewahren wollte, musste erfahren, dass Schweigen keineswegs immer die erfolgversprechendste Strategie ist, vor allem dann nicht, wenn ein Gerücht sich als viel schlimmer erweist, als das eigentliche Geheimnis. Fataler noch: Manch banales Geheimnis erfährt erst durch den Akt der Geheimhaltung seine besondere Bedeutung. Nicht die Verfehlung selbst hat schon viele Politiker zu Fall gebracht, sondern allein ihr Verschweigen. Nur im Fall Helmut Kohls ist das öffentliche Urteil noch gespalten, was am Ende schlimmer wiegt: sein Stillschweigen oder die Preisgabe des Geheimnisses um die Spenden an die CDU?

So ist das mit dem Geheimnis, es ist keineswegs ausgemacht, welche Haltung moralischer ist, das Verschweigen oder der vermeintliche Verrat. Das kommt allein auf den Standpunkt an, auf das Verhältnis der betroffenen Personen zueinander. Partner erwarten Offenheit. Das Wissen um ein gemeinsames Geheimnis schweißt um so enger zusammen, das Verweigern einer Information dagegen schafft Distanz. Loyalitäten können dabei in Konflikt miteinander geraten. Der befreundete Kollege etwa, der seinen Absprung aus der Firma vorbereitet, wird vielleicht seine Freunde vor den Kopf stoßen, wenn er sie vor vollendete Tatsachen stellt.

Gemeinsame Geheimnisse verbinden

Was für private Kreise gilt, ist bei größeren Gruppen nicht anders. Der Kreis der Eingeweihten rückt um so enger zusammen, grenzt sich nach außen ab. Das traf auf die Bauhütten des Mittelalters zu, die keinem Außenstehenden Einblick in das Geheimnis ihrer Ingenieurkunst gewährten. Es gilt für ihre Nachfolger, die Freimaurer, auch wenn sich ihr Geheimnis längst in Ritualen erschöpft. Zurückgehaltenes Wissen schafft Hierarchien. Es verlieh schon dem Schamanen Macht, der sich nur seinem Nachfolger anvertraute, selbst wenn sein Geheimnis vielleicht nur darin bestand, dass es keines gab. Und es produziert Ängste, denn im Verborgenen lauern nicht nur Chancen. Nichts fürchtet der Mensch mehr, als eine Bedrohung, die er nicht rechtzeitig erkennt.

Geheimnisse können zu sozialem Sprengstoff werden, gerade dort, wo wir uns gemeinhin geborgen fühlen: In der Familie. "Angehörige verleugnen, verzerren oder beschönigen bestimmte Realitäten zur Stärkung des Familienverbandes", sagt der Oldenburger Psychologe Peter Kaiser, der 600 Familien in der Bundesrepublik zum Teil über Generationen hinweg untersucht hat. Aber je mehr solcher Geheimnisse eine Familie mit sich herumschleppt, je existenzieller diese Fragen sind, desto zerstörerischer wird ihre Last schließlich sein. "Täter-Opfer-Triade" nennt Kaiser jene unheilvolle Konstellation, die Opfer, Täter und Mitwisser verbindet. Das missbrauchte Kind, es wird zum Schweigen gebracht, weil man ihm zum Beispiel droht, dass sein Reden die Familie gefährdet. Gefangen in diesem Verband, hat es kaum Aussicht auf Erlösung. Tragischer noch, das Opfer läuft Gefahr, später selbst zum Täter zu werden, wie Kaiser beobachtet hat.

Männer klatschen anders

Es heißt, dass die Geschlechter sich darin unterscheiden, wie sie mit Geheimnissen umgehen. Dahinter steckt nicht die These, dass Frauen mitteilsamer wären, seit jenen Tagen, als sie sich am Ufer zum Wäschewaschen trafen und angeblich den Klatsch erfanden. Das bestreitet nicht nur der Psychologe Albert Spitzvogel. Aber, so der Göttinger Forscher, Frauen neigten eher dazu, Geheimnisse als Instrument der Beziehungspflege zu betrachten. Wenn sie jemanden ins Vertrauen zögen, dann um ihr soziales Umfeld stabil zu halten. Männer hätten den größeren Autonomie-Anspruch, setzten Geheimnisse strategisch ein. Gern weihen sie den ein, der ihnen nutzt. Oder fühlen sich ob ihres geheimen Wissens wenigstens überlegen.

Natürlich gibt es eine Nachfrage, gibt es einen Markt für Geheimnisse. Und das nicht erst, seit Zeitungen verkauft werden. Auf diesem Markt wird nicht nur mit Nähe und Anerkennung bezahlt. Aber Geheimnisse sind eine schwer zu handhabende Ware. Denn wie kann mich etwas interessant machen, von dem niemand weiß, dass ich es besitze? Und wird es etwa dadurch wertlos, dass ich es zu lange bewahre?

Viele Gründe drängen das Geheimnis an die Oberfläche. Und doch geht der ein hohes Risiko ein, der sich gänzlich entblößt. Er büßt mit Attraktivitätsverlust. Ein Schicksal, das ausgerechnet Paaren droht, die sich völlige gegenseitige Offenheit versprochen haben. Bewahren kann man die Attraktivität nur, indem man sich immer weiter entwickelt. Wer kein Geheimnis mehr hat, ist wirklich arm dran. "Der", so Spitzvogel, "müsste eigentlich eines erfinden." Gut möglich, dass Ralph Rene mit seiner Mondlandungstheorie genauso gedacht hat.

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