Welt : Disney-Film: Wir Dinosaurier

Andreas Oswald

Wozu braucht man eigentlich noch Schauspielerinnen und Schauspieler? Die sind zickig, haben Allüren, verbergen ihr Privatleben und verlangen immer höhere Gagen. Das Beste wäre, die Studios könnten sie endlich loswerden. Vielleicht ist das der tiefere Sinn, warum Filme wie "Dinosaurier" gedreht werden.

Mit 200 Millionen Dollar ist der neue Film aus den Disney-Studios der teuerste Animationsfilm, der je gedreht wurde. Heute startet "Dinosaurier" in den deutschen Kinos. Das Ergebnis verführte das US-Magazin "Newsweek" zu der Schlussfolgerung: "Wenn wir schon so weit sind, dass wir Dinosaurier (und das alte Rom) maschinell kreieren können, werden auch künstliche Leos, Keanus und Demis nicht mehr lange auf sich warten lassen."

Sollte es tatsächlich sein, dass computeranimierte Gesichter bald überzeugender auf der Leinwand sind als wahre Gesichter, dann werden wir künftig auch auf Meldungen über das Privatleben von Leonardo DiCaprio, Keanu Reeves oder Demi Moore verzichten müssen. Obwohl es bestimmt genügend Internet-Dienste geben wird, die den neuen Kunstfiguren einen privaten Hintergrund andichten.

In dem neuen Disney-Film, der nach dem Start in den US-Kinos innerhalb von zehn Tagen schon die Hälfte der Kosten eingespielt hatte, wächst Aladar, ein kleiner Iguanodon, in einer Familie von Lemuren auf. Nach einem katastrophischen Meteoriteneinschlag erlebt er eine abenteuerliche Odyssee.

Aber es ist nicht der Inhalt, der diesen Film auszeichnet. Es ist der spektakuläre Aufwand, die betrieben wurde, um am Computerbildschirm bessere Bilder zu schaffen, als sie in der Realität je gefilmt werden könnten. Insofern stellt dieser Film die Frage nach der Zukunft des Films.

Mit völlig neu entwickelter Software sind 900 Computerspezialisten ans Werk gegangen. 250 leistungsfähige Großrechner und weitere 300 Schreibtischrechner waren ununterbrochen im Einsatz. 3,2 Millionen Rechnerstunden stecken in dem Film. Für das Fell jedes einzelnen Lemuren mussten per Computer 1,1 Millionen Haare kreiert werden, einschließlich Farbeffekten und Veränderungen während der Bewegungen.

Was den Film technisch besonders auszeichnet, ist die Verbindung spektakulärer Landschaftaufnahmen mit der Computeranimation. Die Landschaftaufnahmen stammen aus Florida, Australien, Venezuala, Kalifornien, Samoa, Hawaii, Jordanien und der Mojave-Wüste in den USA. Eine so genannte Dino-Cam hing 21 Meter hoch an Türmen. Sie erreichte eine Geschwindigkeit von 50 km/h und war in der Lage 360-Grad-Schwenks zu unternehmen, um Bilder einzufangen, wie Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren die Welt gesehen haben mögen.

Dem Zuschauer soll in dem Mix der realen Aufnahmen und den Animationen Hören und Sehen vergehen, vor allem die Fähigkeit, zwischen Realität und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Solange die neue Technik noch nicht ganz perfekt ist, bieten sich Dinosaurier als Figuren besonders an. Kein Mensch weiß, wie genau sich deren Gesichter einst bewegten. Bei computeranimierten menschlichen Gesichtern wäre der Realitätseffekt nicht so perfekt, wie es bei Fabelwesen scheint.

Aber das wird sich noch ändern.

Wie die gesamte Kinowelt. Milliarden lassen sich einsparen, wenn keine Filmkopien mehr hergestellt, transportiert, gelagert und repariert werden müssen. Bald werden nur noch digitale Datensammlungen per Satellit um die Welt geschickt. Schon jetzt zeigen viele Großkinos Filme nicht mehr über die klassischen Spulen, sondern über digitale Systeme. Vielleicht wird eines Tages sogar ein Film in einem Kino am Potsdamer Platz direkt aus Hollywood gestartet. Per Satellitenbefehl. Und direkt übertragen. Und wenn das Publikum im Kino stöhnt, wird die langweilige Szene kurzfristig gekürzt. Entwicklungen dieser Art werden manchem Regisseur nicht schmecken.

Das ist zwar alles Zukunftsmusik. Aber es gibt viele, die, unterstützt von vielen Großrechnern, an dieser Zukunft arbeiten.

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