• Disziplinarverfahren im Fall Lena: Lenas Mörder hätte in U-Haft sitzen müssen
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Disziplinarverfahren im Fall Lena : Lenas Mörder hätte in U-Haft sitzen müssen

Immer mehr Details des umfassenden Versagens von Polizei und Justiz werden bekannt – und der Innenminister zeigt sich zerknirscht. Gegen mehrere Beamte sind Disziplinarverfahren eingeleitet worden.

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Ein Polizeitaucher steigt am Mittwoch in den Emdener Wallgraben, um dort nach der Tatwaffe zu suchen. Foto: dpa
Ein Polizeitaucher steigt am Mittwoch in den Emdener Wallgraben, um dort nach der Tatwaffe zu suchen.Foto: dpa

Könnte Lena noch leben? Hätte der Sexualmord an der Elfjährigen aus Emden verhindert werden können? „Das ist die Frage, die uns ganz besonders berührt“, sagt Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) mit sichtlich zerknirschter Miene. Zusammen mit Landespolizeidirektor Volker Kluwe ist er am Mittwoch in Hannover vor die Presse getreten und schildert detailliert die Pannenserie bei der ostfriesischen Polizei und – vielleicht auch – bei der niedersächsischen Justiz.

Immer neue Einzelheiten über grobe Fehler und Abstimmungsprobleme treten ans Licht. Lenas Mörder hatte sich danach am 23. November 2011 in Begleitung eines psychologischen Betreuers beim Kommissariat Emden selbst angezeigt – nicht nur wegen des Besitzes von Kinderpornografie, wie es zunächst noch geheißen hatte, sondern wegen einer realen Missbrauchshandlung. Nach eigenen Angaben hatte er im Oktober 2010 bei sich im Elternhaus die siebenjährige Freundin seiner kleinen Schwester ausgezogen und nackt fotografiert. Dabei hatte ihn seine Mutter erwischt, diese informierte am nächsten Tag das Jugendamt. Ein Jahr später begab sich der Jugendliche für sieben Wochen in stationäre Behandlung in die Jugendpsychiatrie Aschendorf. Offenbar gehörte es zum Behandlungskonzept, dass der Patient sich nach seiner Entlassung wegen seiner pädophilen Neigungen selbst bei der Polizei meldete. Er wolle „einen Schlussstrich unter dieses Kapitel ziehen“, gab der Jugendliche zu Protokoll.

Mord an einem 11-jährigen Mädchen
Am 20. August 2012 hatte vor dem Landgericht Aurich in Niedersachsen der Prozess gegen den 18-Jährigen begonnen, der die elfjährige Lena aus Emden vergewaltigt und ermordet haben soll. Foto: dapdWeitere Bilder anzeigen
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Doch die Beamten dort reagierten völlig falsch. „Bei dem Verdacht sexuellen Missbrauchs hätten eigentlich sofort erkennungsdienstliche Maßnahmen erfolgen müssen. Da gibt es klare Vorgaben“, erklärt Schünemann. Also Fingerabdrücke, Fotos, DNA-Probe. Nichts dergleichen geschah. Die Inspektion Emden meldete den Vorfall lediglich an die wegen des Wohnorts des Jugendlichen zuständigen Kollegen in Aurich. Diese hefteten den Missbrauch des kleinen Mädchens unter ferner liefen in der bereits existierenden Akte wegen des minder schwerwiegenden Besitzes der Kinderpornografie ab, wegen der er bereits zuvor von seinem Stiefvater angezeigt worden war.

Nur einen Tag nach seiner Selbstanzeige überfällt er in den Emdener Wallanlagen eine 27-jährige Studentin beim Joggen. Die Frau kann sich befreien; die versuchte Vergewaltigung bleibt bis zum Geständnis unaufgeklärt. Hätte die Polizei damals Fingerabdrücke und Gentest des Täters gehabt, wäre dieser möglicherweise in Untersuchungshaft gekommen. Und hätte dann vielleicht auch Lena am vorletzten Wochenende nicht umbringen können.

„Das ist sehr spekulativ“, wehrt der Innenminister solche Schlussfolgerungen erst einmal ab.

Gegen alle beteiligten Beamten in Emden und Aurich und deren Vorgesetzten werden Disziplinarverfahren eingeleitet. Zu klären ist dabei auch, warum nach der Anzeige des Stiefvaters und der Selbstanzeige des Jungen die Ermittlungen nicht in Gang kamen, insbesondere ein Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Hannover drei Monate unausgeführt bei der Polizei schmorte.

Auch die zentral für Kinderpornografie zuständige Staatsanwaltschaft Hannover sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, warum bei ihr trotz des Vermerks über den Missbrauch keine Warnlampen angingen, sie also keinen Druck auf die Polizei ausübte.

Fragen nach eigenen politischen Konsequenzen weicht Schünemann aus. Noch sei es viel zu früh, das unglaubliche Geschehen zu bewerten. Entsprechend zurückhaltend zeigt sich auch die Opposition, obwohl es laut SPD-Innenexperte Klaus-Peter Bachmann Hinweise „auf eine erhebliche Unterbesetzung“ von zehn Dienstposten in Emden und Aurich gibt. Von Rücktritt des Ministers mögen vorerst weder Bachmann noch Grüne und Linke sprechen, sie beantragen zunächst nur die Unterrichtung des Innenausschusses des Landtages. Bundespolitiker werden deutlicher. „Wenn das so zutrifft, ist das ein veritabler Justizskandal“, sagte der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Hans-Peter Uhl (CSU) dem Tagesspiegel.

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