Dokumentarfilm : In den Fängen der Justiz

In Mexiko hat eine Richterin einen Dokumentarfilm über einen unschuldigen Häftling verboten. Das löste nicht nur einen Sturm der Entrüstung aus, sondern ließ auch die Besucherzahlen in den Kinos explodieren.

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Verleiher Alejandro Ramirez hat einen Kassenschlager gelandet.
Verleiher Alejandro Ramirez hat einen Kassenschlager gelandet.Foto: dpa

Dokumentarfilme sind selten Kassenschlager, schon gar nicht in Mexiko. Für „Presunto culpable“ (mutmaßlich schuldig) gilt das nicht. Wer am Freitag nach dem drohenden Aufführungsverbot eine Eintrittskarte ergattern wollte, musste schnell sein. In vielen Kinos waren schon am Nachmittag die Plätze vorverkauft.

Der Stoff ist trocken: es geht um die Verurteilung eines Straßenhändlers zu 20 Jahren Haft wegen eines Mordes, den er nie begangen hat. Mehr als zwei Jahre verbrachte Antonio Zuñiga im Gefängnis, bevor seine Anwälte seine Unschuld beweisen konnten – dank der von ihnen selbst gefilmten Dokumentation. Mit stimmungsvollen Bildern aus dem Gefängnis, entlarvenden Mitschnitten aus den Verhandlungen und untermalt von Rap-Musik des Verurteilten führt Regisseur Roberto Hernandez die schwärzeste Seite der mexikanischen Justiz vor. Bürokratisch, unfähig, zynisch und voreingenommen wirkt sie wie ein verlängerter Arm des organisierten Verbrechens. Etwa, wenn der für die Verhaftung Zuñigas verantwortliche Polizeioffizier zwar keine Beweise vorlegen kann, dem Angeklagten aber unwirsch entgegnet, wegen irgendetwas werde er schon hinter Gitter sitzen – und der Richter danach das Strafmaß von 20 Jahren bestätigt.

Dazu passt, dass eine Richterin am Mittwoch ein Aufführungsverbot verfügte. Mit dem Argument, seine Persönlichkeitsrechte würden verletzt, hat angeblich der minderjährige Vetter des Ermordeten das Verbot verlangt. Doch ebendieser Vetter wird im Film als verschüchterter Junge dargestellt, dem die Polizei die Zeugenaussage gegen Zuñiga in den Mund legt – der einzige „Beweis“ gegen den Angeklagten. Mit ihrem Urteil löste Richterin Blanca Lobo Dominguez einen Proteststurm gegen „Zensur“ aus. Und einen Besucherandrang: Seit der Uraufführung Ende Februar sahen mehr als eine halbe Million Mexikaner den Film. Damit schlug „Presunto culpable“ sogar den Oscargewinner „The king’s speech“.

Für die Regierung ist das Urteil ein Problem. Nach der richterlichen Anordnung müsste das Innenministerium nun verhindern, dass der Film gezeigt wird. Innenminister Francisco Blake will aber nicht als Zensor auftreten. Er habe getobt vor Wut, berichtete die Zeitung „El Universal“ und angeordnet, alle juristischen Möglichkeiten auszuschöpfen. Das Urteil sei „ambivalent und düster“, sagte Staatssekretär Hecto Villarreal. Deshalb habe das Ministerium bisher kein Verbot ausgesprochen sondern die zuständige Richterin um weitere Erklärungen gebeten. 95 Prozent aller Straftaten in Mexiko werden nie gerichtlich geahndet, ebenso viele Verurteilte haben nie einen Richter gesehen, nur acht Prozent aller Urteile basieren auf Beweisen.

Filmverleiher Cinepolis sah keine Veranlassung, den Streifen aus dem Programm zu nehmen. „Noch haben wir keine Anweisung des Innenministeriums erhalten, deshalb zeigen wir den Film weiter“, sagte der Generaldirektor, Alejandro Ramirez. Etwas „verdächtig“ sei die Haltung der Richterin, es habe den Anschein, als solle so der tiefe Einblick in das Treiben der Justiz verhindert werden. Mexikos Justiz basiert auf Schriftverkehr ohne mündliche Verhandlung und der Schuldvermutung. Der Staatsanwalt muss nicht die Schuld beweisen sondern der Angeklagte seine Unschuld. Zwar wurde das mit der Justizreform 2008 geändert, doch diese ist erst in sieben von 31 Bundesstaaten in Kraft, in der Hauptstadt, wo der Film spielt, wurde sie nicht umgesetzt. Rocio Culebro vom Institut für Menschenrechte und Demokratie merkt an: „Die Schwachstelle lag und liegt bei den Ermittlungsbehörden, die nicht in der Lage sind, Beweise vorzulegen. So werden aus Mangel an Beweisen Schuldige fabriziert.“

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