Dr. House, Peter Ustinov & Otto Graf Lambsdorff : Stöcke für die Welt

Sie sind die Letzten ihrer Zunft in Deutschland: Michael und Wolfgang Meyer aus Thüringen Bis zu 70.000 Gehhilfen produziert ihre Werkstatt jährlich – sogar Dr. House nutzt einen.

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Kult. Die Serie Dr. House läuft auf RTL.
Kult. Die Serie Dr. House läuft auf RTL.Foto: RTL

Ohne seinen Stock würde Dr. House niemals seine oft spektakulären Fälle in der gleichnamigen US-Fernsehserie lösen können. Er ist auf die Gehhilfe angewiesen, nachdem ein Muskelinfarkt in seinem rechten Oberschenkel zu spät erkannt worden war. Den Drehbuchschreibern gelang damit ein richtiger Coup, denn Dr. House, alias Hugh Laurie, ist überall nur „als der Arzt mit dem Stock“ bekannt. Genau dieser Stock löst bei jeder neuen Ausstrahlung der Folgen wie jetzt bei RTL besondere Freude im kleinen thüringischen Dorf Lindewerra aus. „Der stammt von mir“, sagt Michael Geyer, der letzte Stockmacher Deutschlands. „Da gibt es keinen Zweifel. Selbst die Modelle in den ersten Folgen sind in meiner Werkstatt entstanden.“

Auch Peter Ustinov und Otto Graf Lambsdorff stützten sich einst auf Stöcke aus dem Ort an der früheren deutsch-deutschen Grenze, 20 Kilometer südlich vom niedersächsischen Göttingen gelegen. „Es wäre natürlich schön, wenn wir im Abspann der Fernsehfolgen auftauchen würden“, sagt der 43-Jährige. „Reklame können wir immer gebrauchen, sonst stirbt vielleicht irgendwann die Stockmacherei in Deutschland ganz aus. In Europa gibt es nur noch in Italien und Frankreich einige Werkstätten.“ Die Blütezeit dieses Handwerks in Thüringen habe in den 1920er und 1930er Jahren gelegen, als allein in Lindewerra mehr als 30 Betriebe am Tag tausende Stöcke produzierten. „Die feinen Männer gingen damals nie ohne Hut und Stock aus dem Haus. Viele von ihnen legten Wert auf eine schöne Verzierung, auf eine Plakette oder einen Kopf aus Porzellan.“

Stock mit Gechichte

Heute sei ein Stock leider ein Zeichen für Schwäche, für Gebrechlichkeit oder eine Krankheit und in den Bergen würde mancher Wanderer sogar auf moderne Nordic-Walking-Stöcke vertrauen. Selbst zu DDR-Zeiten lief das Geschäft noch ausgezeichnet, wenn auch 98 Prozent der Produktion in die Bundesrepublik und nach Österreich gingen.

Damals lag Lindewerra in der streng bewachten Fünf-Kilometer-Sperrzone vor der Grenze, in die niemand ohne Passierschein hereinkam. Ein Lastwagen sammelte daher zu bestimmten Zeiten alle produzierten Stöcke aus den damals in einer Genossenschaft zusammengeschlossenen Betrieben ein und fuhr sie außerhalb des Sperrkreises, wo sie dann auf einen anderen Lkw umgeladen wurden. Von dort ging es über den Grenzübergang in den Westen, obwohl Niedersachsen und Hessen gleich jenseits der Werra und damit nur ein kurzes Stück entfernt lagen. Doch die Straße hinter dem Grundstück der Meyer’schen Stockmacherei endete direkt am Streckmetallzaun. Dieser fiel zwar im November 1989 wie überall in Deutschland, doch nun wollte niemand mehr Stöcke aus dem kleinen Dorf.

Ungarn und Jugoslawien lieferten kein Kastanienholz mehr und sämtliche Abnehmer winkten bei jeder Offerte ab. „Ich habe mich damals auf den Weg gemacht, um alle möglichen Messen in aller Welt zu besuchen“, erinnert sich Michael Geyers Vater Wolfgang. „Selbst in Südkorea, New York, Tokio, Paris und Birmingham habe ich unsere Stöcke angepriesen.“

Brauchbares Kastanienholz

Die Mühen lohnten sich. Denn während in Lindewerra ein Betrieb nach dem anderen dichtmachte, fanden die Meyers in Spanien brauchbares Kastanienholz. Es wächst bedeutend schneller als in Deutschland und lässt sich daher nach einem halbstündigen Wasserbad leicht biegen. Insgesamt 32 Arbeitsschritte sind für einen guten Wanderstock nötig. Bei rund 60.000 bis 70.000 Stück hat sich die Jahresproduktion eingepegelt. Zwischen zehn und 30 Euro kosten die Exemplare ohne Verzierungen. Nach wie vor gehen die meisten Lieferungen nach Bayern sowie nach Österreich, Italien, die Schweiz, England und in die USA.

Drei Angestellte verdienen in der Werkstatt zusammen mit dem Chef ihr Brot, während der Senior Wolfgang Geyer inzwischen eine Gaststätte im vorderen Bereich des Betriebes führt. Da hängen und stehen viele Stöcke an der Wand. Wer will, kann sich sein Exemplar gleich mitnehmen oder eins nach seinem Geschmack bestellen. Doch der größte Teil der Produktion wird über den Großhandel oder das Internet verschickt. So gelangte auch der wohl berühmteste in die Vereinigten Staaten – und in die Hände von Dr. House.

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