Drama von Amstetten : Im Verlies – und doch nicht verlassen

Mit einer verstörenden Aussage über Amstetten hat die Kinderpsychiaterin Christa Schaff Erstaunen hervorgerufen. Verharmlosen wollte sie mit ihren Worten jedoch nicht, sondern nur zur Vorsicht mahnen. Mit solchen Worten entwerte man die Leistung der Mutter.

Adelheid Müller-Lissner
Keller Amstetten
Das Kellergefängnis in Amstetten. -Foto: dpa

"Kinder können auch in Gefangenschaft gedeihen.“ Als die die Vorsitzende des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendpsychiater, Christa Schaff, mit diesen Worten in der "FAZ“ zitiert wurde, löste das Erstaunen, wenn nicht gar Empörung aus: Kann eine Ärztin und Kindertherapeutin denn mit einer solchen Aussage auf die unglaublichen Vorfälle im österreichischen Amstetten reagieren? Eine solche Formulierung wirkt verharmlosend, sie scheint einer schlimmen Situation noch etwas Positives abgewinnen zu wollen.

Dabei wollte die Kinderpsychiaterin die Geschehnisse nicht verharmlosen. Sie wollte zur Vorsicht mahnen, wie sie nun gegenüber dem Tagesspiegel klar stellte. Denn Begriffe wie "schwerste Traumatisierung der Opfer“ fielen heute schnell. "Man entwertet mit einem solchen Etikett aber nicht zuletzt die Mutter, die sich wahrscheinlich bemüht hat, den drei Kindern, die bei ihr im Keller lebten, unter schwierigsten Umständen Wärme und Zuneigung zu schenken. Noch wissen wir ja nicht, ob es ihr nicht gelungen ist, damit einiges aufzufangen.“ Für die heranwachsenden Menschen selbst war das Leben in Gefangenschaft vermutlich sogar normal – denn sie sind in dieses Leben hineingeboren und hatten kaum Maßstäbe dafür, wie es anders sein könnte.

Wenn überhaupt, dann kamen solche Vergleichsmöglichkeiten aus dem Fernsehen. "Ein Medium, das andere Kinder verdummt, war für diese Kinder möglicherweise lebensrettend“, sagt Oliver Bilke, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in den Vivantes Kliniken Hellersdorf und Humboldt. Denn eine andere Verbindung zur Außenwelt gab es, von dem tyrannischen Josef Fritzl abgesehen, über all die Jahre nicht.

In dem Verlies, in dem der Vater und Großvater seine Tochter und Zweitfrau 24 Jahre gefangen hielt, gab es, soweit man heute weiß, aber wenigstens einige der Anregungen, die Kinder für ihre Entwicklung und Reifung brauchen: Das enge Verlies wird als „wohnlich“ eingerichtet beschrieben, etwas Spielzeug soll da gewesen sein. Die Geschwister als Spielkameraden, Sprache, Lieder, Zärtlichkeit: Das alles kann es selbst in dieser schrecklichen Gefangenschaft gegeben haben. "Nicht zuletzt haben Menschen auch ihre Phantasien, um eigene Welten zu schaffen“, sagt Schaff.

"Das gleiche Trauma kann auf zwei verschiedene Menschen ganz unterschiedlich wirken, und nicht zuletzt hängt das davon ab, wie schnell für die Opfer eine geeignete psychotherapeutische Behandlung bereitgestellt werden kann“, sagt der Berliner Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Christoph Stösslein.

Welche Auswirkungen das jahrelange Eingesperrtsein auf die drei Heranwachsenden und auf ihre Mutter (und Schwester) haben wird, wird sich erst zeigen, wenn sie sich im Leben "draußen“ einzurichten beginnen. "Viele Symptome eines latenten Traumas zeigen sich erst, wenn neue Entwicklungsanforderungen auf einen Menschen zukommen“, sagt Bilke. Wie schon im Fall Kampusch fordern die Therapeuten auch hier, die Welt für die Befreiten vorsichtig zu öffnen und sie vor den Medien möglichst gut abzuschirmen. "Ich könnte mir vorstellen, dass die Familie zunächst einen sehr geschützten Rahmen zum Leben braucht, in dem jeder für sich seine eigenen Schritte in die reale Welt möglichst begleitet erproben kann“, sagt Christa Schaff.

Kinder- und Jugendpsychiater erleben in ihrer Arbeit viele Beispiele dafür, dass Menschen unter unglaublichen Verhältnissen aufwachsen müssen: Kinder leiden heute im Krieg und auf der Flucht – aber auch mitten im Frieden in einem reichen Land. „Ich habe schon mehrfach Kinder erlebt, die über Wochen von ihren Eltern im Keller eingesperrt wurden“, berichtet Bilke. "Tag für Tag werden Kinder durch Nichtachtung verletzt oder werden das Opfer impulsiver Reaktionen, doch das ist meist nicht so medienwirksam“, sagt Christa Schaff. Was in Amstetten geschah, hat aber eine ganz andere Dimension: Fritzl war schließlich in Personalunion alles: Er war der tyrannische Patriarch, der die Gefangenschaft anordnete und überwachte, er war ein Elternteil, ein Großelternteil, und nicht zuletzt der Versorger, mit dem man sich gut stellen musste. Inzest, Gefangenschaft, Androhung von Gewalt, Vergewaltigungen: Erfahrungen, von denen jede für sich schon genügen würde, um einem Menschen schweren Schaden zuzufügen. Wichtig ist den Kinderpsychiatern jedoch, dass es auch Schutzfaktoren gibt, die selbst in extremen Situationen helfen – solche, die im individuellen Wesen liegen, und andere, die einem Kind von den ihm nahe stehenden Menschen gegeben werden können.

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