Drogenkartelle : Mörder, Gesetzloser, Wohltäter

Nach der Erschießung Bin Ladens ist er der “World's Most Wanted Man”. Milliardär, Staatsfeind der USA und kaum 1,55 Meter groß. “El Chapo”, “der Kurze”, ist der mächtigste Drogenhändler der westlichen Hemisphäre. Nun wird sein Aufstieg in einer Serie verfilmt - und das noch zu Lebzeiten.

Michel Penke
Seltenes Bild: Joaquin Guzmán im Gefängnis von La Palma in Mexiko. Seit seiner spektakulären Flucht fehlt von dem Drogenbaron jede Spur. Sogar der Gefängnisdirektor stand auf seiner Lohnliste.
Seltenes Bild: Joaquin Guzmán im Gefängnis von La Palma in Mexiko. Seit seiner spektakulären Flucht fehlt von dem Drogenbaron jede...Foto: dpa

„El rey del narco“ nennen sie ihn: König der Drogenhändler. Sein bürgerlicher Name ist Joaquin Guzmán, geboren 1957 auf einer Ranch im ärmlichen Sinaloa, Nordwestmexiko. Joaquin ist das siebte Kind eines Viehzüchters, der ein wenig Schlafmohn anbaut. Früh übt sich Joaquin in dem Beruf des Drogenhändlers. Seinem Vater hilft er bei dem Anbau des Mohns, schmuggelt ein paar Kilo über die Grenze in die USA. Die Schule bricht er im Alter von sieben Jahren ab. Nach und nach steigt er in der Hierarchie der Drogenkuriere auf. Am Beginn der 80er Jahre wird er Logistikchef in der Mafiaorganisation Sinaloa. Bereits zehn Jahre später ist der kühle Stratege zum Boss des westmexikanischen Kartells aufgestiegen.

Synthetische Drogen bringen mehr Rendite

Eine Position, die man im Durchschnitt nicht länger als fünf Jahre überlebt. Guzmán kontrolliert nun die gesamte nördliche Westküste Mexikos. „El Chapo“ nennen sie den Mann von 1,55 Metern Körpergröße. Den „Kurzen“, der alle anderen überragt. Heroin, kolumbianisches Kokain und vor allem billiges Amphetamin lässt er über die Grenze in die USA bringen. Die synthetischen Drogen versprechen bessere Renditen. Billige Ausgangsstoffe und ein Labor braucht „El Chapo“. Kokain-Produzenten aus Kolumbien müssen nicht mehr bezahlt werden.
Guzmán etabliert sich als Regionalfürst. In Guatemala lagert er viele seiner Drogen, bevor sie weitergereicht werden. Doch als bei einer Schießerei 1993 ein Kardinal stirbt, ist die trügerische Ruhe vorbei. Guzmán wird in Guatemala verhaftet, nach Mexiko ausgeliefert und dort zu 20 Jahren Haft verurteilt. Das Hochsicherheitsgefängnis Puente Grande in Jalisco ist sein neues Heim. Schnell hat der kleine Mann einen Ruf im Gefängnis: Er gilt als einer der brutalsten Insassen.

Guzmán entkommt in einem Wäschewagen

Doch 20 Jahre sind eine lange Zeit. Zudem droht eine Auslieferung in die USA. Guzmán beschließt zu flüchten. Er beginnt Wachleute zu bestechen. Auf 2,5 Millionen werden Ermittler das Schmiergeld später beziffern, das Guzmán seinen Wärtern zusteckt. Am 18. Januar 2001 öffnet Francisco „El Chito“ Camberos Rivera, ein Gefängnisaufseher, Guzmáns elektronisch gesicherte Zellentür. „Der Kurze“ steigt in einen Wäschewagen, den Camberos durch mehrere Sicherheitstüren und den Haupteingang rollt. Keiner kontrolliert sie. Jeder weiß, wer da gerade aus einem Bundesgefängnis ausbricht. Selbst der Gefängnisdirektor und die örtliche Polizei stehen auf Guzmáns Gehaltsliste. 24 Stunden werden sie verstreichen lassen, bevor sie die Verfolgung aufnehmen. Der Wäschekorb mit dem Drogenboss wird in den Kofferraum eines Lastwagens verladen. Francisco Camberos, der korrupte Wärter, sitzt am Steuer. Doch die letzte Zahlung an seinen Fluchthelfer hat Guzmán noch nicht beglichen. Eine abenteuerliche Geschichte hat er Camberos aufgetischt: Gold, das er in einem Stein aus dem Häftlingsbetrieb gefunden habe, wolle er in Freiheit verkaufen und ihn, Camberos, damit auszahlen. Camberos glaubt ihm. Doch als er an einer Tankstelle hält und tankt, entflieht Guzmán. Bis heute.
„El Chapo“ geht in den Westen Mexikos. Dort ist sein Kartell mächtiger als der Staat. Obwohl von Polizei und Militär gesucht, heiratet er in aller Öffentlichkeit im Juni 2007 eine 18-jährige Dorfschönheit, die für die Krone der „Kaffeekönigin“ kandidiert. Das Militär traut sich angesichts Guzmáns Armee von Leibwächtern nicht einzugreifen.

Nach Bin Laden ist Guzmán der meistgesuchter Mann der Welt

Das Kopfgeld, das FBI und der mexikanische Staat auf ihn ausgesetzt haben, summiert sich bald auf sieben Millionen Dollar. Ein Betrag, den Guzmán selbst leicht bestreiten könnte. Das „Forbes“-Magazin listet ihn 2012 auf Platz 67 der reichsten Menschen und nennt ihn den „mächtigsten Drogenhändler“ weltweit. Sein Vermögen schätzt das Magazin auf eine Milliarde US-Dollar. Das „Time“-Magazin zählt ihn zu den 50 einflussreichsten Männern und die US-Regierung führt ihn zeitweise als den zweiten der meistgesuchten Männer der Welt – nach Osama bin Laden.
Das Sinaloa-Kartell steigt zum mächtigsten Mexikos auf und ist heute eine der zehn größten Verbrecherorganisationen der Welt. Neben Schmuggel, Menschenhandel und Produktpiraterie betreibt Guzmán auch legale Unternehmen.

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