Welt : Drogenprozess: Blass, angespannt und kindlich

Susanne Güsten

Wenn es ums Glück geht, schwören die Türken auf eine blaue Glasperle mit weißem Punkt. Andrea Rohloff hat gleich ein ganzes Kettchen dieser Glücksbringer dabei, als sie am Dienstag vor dem Staatssicherheitsgericht im türkischen Izmir erscheint, um sich wegen organisierten Rauschgiftschmuggels zu verantworten. Ihre Mitgefangenen im Buca-Gefängnis bastelten das Armband, das die 18-jährige Berlinerin vor Unheil bewahren soll. Die Glasperlen tun am ersten Prozesstag offenbar zumindest etwas Wirkung, denn das Gericht scheint geneigt, den Unschuldsbeteuerungen der jungen Deutschen zu glauben. Den Antrag ihres Anwalts auf Freilassung gegen Kaution lehnen die Richter aber erwartungsgemäß ab.

Angespannt und überfordert wirkt die Angeklagte, als sie in das Gerichtsgebäude geführt wird. Angesichts des Ansturms von Fernsehteams, Fotografen und Reportern scheint sie sich auf dem Weg in den Verhandlungssaal mehrfach ein Lächeln verbeißen zu müssen, dann kommen ihr wieder die Tränen. Erwachsener sei sie seit dem Schock ihrer Festnahme im Januar geworden, sagt ihr Anwalt Ülkü Caner, der für seine Mandantin auch ein bisschen zum Ersatzvater im Exil geworden ist - doch vor der einschüchternden Kulisse des Gerichtssaals wirkt Andrea Rohloff wieder ausgesprochen kindlich.

Nach acht Wochen hinter Gittern ist sie dennoch auch erleichtert, dass es endlich losgeht und sie dem Gericht und der Welt ihre eigene Version schildern kann. Etwas enttäuscht sind dagegen ihre aus Berlin angereisten Eltern, Angela und Hans Jürgen Rohloff. Sie hatten gehofft, ihre Tochter umarmen zu können - beim Besuch im Gefängnis am Vortag hatten sie nur durch Gitterstäbe hindurch mit ihr sprechen können. Doch Andrea wird von Gendarmen umringt auf die Anklagebank gebracht, wo sie alleine Platz nehmen muss.

Die Eltern werden fünf Sitzreihen dahinter in den Zuschauerraum gesetzt. Andreas beste Freundin Nicole, die ebenfalls zur Verhandlung nach Izmir gekommen ist, hält es nicht lange auf ihrem Platz. Weinend stürzt die 17-Jährige aus dem Saal, als sie ihre Freundin auf der Anklagebank sieht. Ein bisschen blass sieht Andrea Rohloff nach den acht Wochen im Gefängnis tatsächlich aus. Inhaltlich ist die Berlinerin dafür gut vorbereitet. 16 Seiten lang ist die schriftlich vorbereitete Aussage, die sie dem Gericht auf Deutsch vorträgt; eine Mitarbeiterin des deutschen Generalkonsulats übersetzt. Von den sechs Kilogramm Heroin, die am Flughafen von Izmir in ihrer Reisetasche gefunden wurden, habe sie nichts gewusst, beteuert Andrea Rohloff. Allerdings sei sie auch nicht völlig ahnungslos gewesen, gibt sie zu: Dass etwas faul sei, habe ihr schon geschwant, als ihre Freundin Nadine sie nach einem Badeurlaub mit der Reisetasche und einem Rückflugticket alleine in Izmir sitzen ließ. Ihr Fehler sei aber vor allem ihre Naivität gewesen, die sie blindlings der falschen Freundin vertrauen ließ. Auf die Nachfrage der Richter, warum sie denn nicht in die Tasche geguckt habe, erwidert die Angeklagte, sie habe Angst gehabt. Aus früheren Bemerkungen von Nadine und deren Freundinnen sei ihr schon klar gewesen, dass zu viele Fragen unangenehme Folgen haben könnten.

Warnung vor Drogenkurierdiensten

Die drei Richter behandeln die Angeklagte höflich. Zweifel an deren Darstellung lassen sie sich nicht anmerken. Selbst die Staatsanwaltschaft mag die Angeklagte nicht hart anpacken: Der Vertreter der Anklage beantragt zwar die Verurteilung wegen organisierten Rauschgiftschmuggels, worauf nach türkischem Gesetz bis zu 30 Jahre Haft stehen, fordert aber zugleich die Halbierung der Strafe auf 15 Jahre wegen ihrer bereitwilligen Kooperation. Sollten die Richter sich nachsichtig zeigen, könnten sie beim Urteil noch einmal zehn Jahre oder mehr von dem Strafmaß wegkürzen und den Weg für eine Haftentlassung in etwa zwei Jahren frei machen. Mit einem Urteil ist frühestens in einem halben Jahr zu rechnen. Die deutsche Polizei hat gestern eindringlich davor gewarnt, sich als Drogenkurier missbrauchen zu lassen. Gefährlich seien auch besonders preiswerte Autoreparaturen, bei denen Drogen im Fahrzeug versteckt würden.

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