Drogenprozess : Mafia-Boss sagt per Video als Zeuge aus

Ungewöhnlicher Auftritt eines 30-fachen Mörders: Ein früherer Boss der italienischen Mafia hat per Video vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht als Zeuge gegen einen mutmaßlichen Drogendealer ausgesagt.

Petra Albers[dpa]
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Der Mafia-Boss war per Video zugeschaltet - aber nur mit dem Rücken zur Kamera. -Foto: dpa

DüsseldorfSkurrile Szenen spielen sich im Düsseldorfer Oberlandesgericht ab. Auf zwei großen Videoleinwänden ist ein altmodischer Schreibtisch zu sehen, an dem ein grauhaariger Mann sitzt - mit dem Rücken zur Kamera. Es ist Giorgio Basile, früher ein berüchtigter Boss der italienischen Mafia. Wo er sich während der Übertragung aufhält, weiß im Gerichtssaal niemand. Der 47-Jährige ist von einem geheimen Ort in Italien zugeschaltet. Nach seiner Festnahme im Allgäu 1998 hatte er den Ermittlern 30 Morde gestanden. Als Kronzeuge half er danach, 50 Mafiosi hinter Gitter zu bringen.

In dem seit Mai laufenden Prozess müssen sich drei Männer wegen Drogenhandels verantworten, Basile sagt als Zeuge aus. Mit einem der Angeklagten, einem 38-jährigen Italiener genannt "Toni, der Zuhälter", hat Basile nach eigenen Angaben oft Geschäfte gemacht. Der Kontakt zu dem Ex-Mafioso kam über die italienische Justiz zu Stande.

"Antonio hat uns in Deutschland mit allem beliefert, was wir brauchten: Drogen Waffen, Falschgeld", schildert Basile. Als er auf der Flucht war und Geld brauchte, habe er seinerseits dem Angeklagten ein Kilo Amphetamine und ein halbes Kilo Kokain verkauft. Er kenne ihn und seine Familie schon lange, betont Basile. Und als wäre es eine Nebensächlichkeit, fügt er hinzu: "In seinem Haus haben wir sogar einen Mord begangen. Aber damit hat Toni nichts zu tun."

"Engelsgesicht" Basile

Basile kam 1961 als Sohn italienischer Gastarbeiter nach Mülheim an der Ruhr. Als seine Mutter wenige Jahre später ein Verhältnis mit einem Mafioso begann, geriet er in Kontakt mit dem organisierten Verbrechen. Später wurde er in der süditalienischen Region Kalabrien Profikiller der Ndrangheta, einer der größten und mächtigsten Mafia-Organisationen Europas. Bei seinen Taten ging Basile oft grausam vor: Manche Opfer folterte er, eines versteckte er in einem Abflussrohr, ein anderes soll er in Säure aufgelöst haben.

Ob Basile, der in ruhigem Tonfall solche Aussagen macht, tatsächlich ein "Engelsgesicht" hat, wie sein Spitzname verheißt? Im rotbraunen Poloshirt sitzt Basile ruhig auf seinem Stuhl, gestikuliert manchmal mit der rechten Hand und beantwortet bereitwillig und in schönstem Ruhrpott-Dialekt die Fragen von Richter und Verteidiger: Nein, "Toni, der Zuhälter" sei nicht dieselbe Person wie "Toni, der Stinkfuß". Ja, bei den "Geschäften" sei es ausschließlich um Straftaten gegangen.

Basiles Leben soll mit Moritz Bleibtreu verfilmt werden

Produzent Norbert Preuss ("Rossini", "Das Experiment") will Basiles Lebensgeschichte verfilmen, voraussichtlich mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle. In etwa einem Jahr sollten die Dreharbeiten beginnen, sagt Preuss. Er ist zum Prozess gekommen, um Basile live zu sehen - ebenso der Mafia-Experte des bayerischen Landeskriminalamts, Ernst Wirth. Er hatte Basile nach seiner Festnahme vernommen und ihn überredet, sich als Kronzeuge zur Verfügung zu stellen.

Nach seiner Auslieferung nach Italien wurde Basile zwar verurteilt. Er lebt aber heute an einem unbekannten Ort im Zeugenschutzprogramm der italienischen Polizei. Er gilt damit als Mitarbeiter der Justiz und bezieht als solcher sogar ein Gehalt. Vor der Mafia ist er nun auf der Flucht - sie betrachtet ihn als Verräter.

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