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Das Wetter spielt weltweit verrückt. Aber Klimaforscher interessieren nur die langfristigen Veränderungen

Roland Knauer

Winterstürme, die den Wienern mitten in der kalten Jahreszeit Tropennächte bescheren, Biergartenwetter im Januar, kurz darauf Schneechaos in Süddeutschland, jetzt Schneestürme und Nachtfrost in Spanien, Unwetter auf den Kanaren – und im selben Monat weiße Flocken selbst im sonnenverwöhnten Los Angeles: Das Wetter scheint endgültig verrücktzuspielen. Das hatten Klimaforscher ja seit Jahren befürchtet: Wenn der Mensch die Atmosphäre mit der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas zu Kohlendioxid weiter aufheizt, werden öfter extreme Wetterereignisse wie feuchtmilde Wärmeperioden im Winter, Extremniederschläge oder bisher unbekannte Hochwasserkatastrophen im Sommer auftreten, signalisierten Computerberechnungen. Ist er jetzt also da, der Klimawandel?

„Ein Beweis ist das alles nicht“, widersprechen seriöse Klimaforscher unisono. Und setzen im nächsten Satz hinzu: „Aber die Entwicklung passt genau ins Bild, das unsere Klimamodelle bei einer Zunahme des Kohlendioxid-Gehaltes der Luft zeichnen.“ Der lag während der letzten 650 000 Jahre immer unter 280 Teilchen Kohlendioxid in einer Million Luftteilchen – parts per million –, „ppm“ kürzen Naturwissenschaftler das ab. In den letzten zehntausend Jahren lag er konstant bei 280 ppm. Seit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert stieg der Kohlendioxidgehalt der Luft auf inzwischen 380 ppm.

Mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre treibt die Temperaturen in die Höhe, das wissen die Forscher. Da sie aber nicht das Wetter, sondern das Klima der Zukunft mit ihren Modellen simulieren, sind Vorhersagen kaum möglich. „Klima ist gemitteltes Wetter“, sagt der Meteorologe Sven Plöger vom Wetterdienst Meteomedia – das Wetter vieler Jahre also. „Das Wetter aber war schon immer sehr variabel“, erklärt Christiana Lefebvre, die beim Deutschen Wetterdienst (DWD) in Hamburg das Klima über den Meeren beobachtet. So war der Winter 1962/63 in Deutschland recht kalt und brachte der ganzen Republik von November bis März eine geschlossene Schneedecke. 1974/75 dagegen ähnelte der Winter mit viel Regen und Westwinden bei sehr milden Temperaturen dem diesjährigen Winter. Dem Sommer 2003 mit Hitzerekorden folgten zwei deutlich kühlere Sommer.

Treibt also die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas in den nächsten 50 Jahren die Temperaturen in Deutschland um zwei Grad hoch, sorgt das wechselhafte Wetter dafür, dass dieser Anstieg nicht gleichmäßig geschieht: Die Meteorologen könnten 25 Jahre registrieren, in denen es fünf Grad wärmer als normal ist, die anderen 25 Jahre könnten sogar drei Grad kälter als üblich ausfallen. Die Klimaerwärmung beträgt dann zwei Grad.

Auch in den verschiedenen Regionen des Globus verändert sich das Wetter keineswegs gleichmäßig. So verzeichnet Europa bisher einen sehr milden Winter. Sogar in Moskau wurden am 11. Januar mit 8,6 Grad Celsius Temperaturen vier Grad über dem bisherigen Temperaturrekord an diesem Tag von 1957 gemessen. Der Januar 2007 ist in Russland der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 130 Jahren. Im Dezember 2006 meldeten die Wetterstationen in Skandinavien im Durchschnitt acht Grad höhere Temperaturen als normal.

Gleichzeitig aber bibberten die Menschen in den Wüsten Arabiens und im Westen Chinas bei Temperaturen vier Grad unter dem langjährigen Durchschnitt. Auch im letzten Winter gab es solche Unterschiede: Zwischen Dezember 2005 und März 2006 befürchteten manche Laien schon, die kleine Eiszeit würde nach Deutschland zurückkehren. Europa und Nordafrika waren zwei Grad kälter als normal, im Süden Sibiriens lagen die Temperaturen noch weiter unter dem langjährigen Durchschnitt. Gleichzeitig aber fiel der Winter im hohen Norden Skandinaviens außergewöhnlich mild und in Spitzbergen mit zehn Grad über den üblichen Werten rekordverdächtig warm aus. Und auch in den USA und in Kanada war es erheblich wärmer als normal.

Auch jetzt liegen in Spitzbergen die Temperaturen mehr als sechs Grad höher als üblich, und auch weite Teile Kanadas und der USA haben es milder als sonst in dieser Jahreszeit. Nur in Kalifornien lassen Schneeschauer selbst im subtropischen Los Angeles Gouverneur Arnold Schwarzenegger den Notstand ausrufen.

Dietmar Dommenget vom Leibniz-Institut für Meeresforschung IfM in Kiel überrascht das nicht sehr. Denn gleichzeitig sind die Wassertemperaturen in Teilen des Pazifik rund 1,5 Grad Celsius höher als normal. Diese erhöhten Temperaturen wirbeln das Wetter in vielen Regionen rund um den Pazifik so kräftig durcheinander, wie leichtes Fieber den Körper eines Menschen durcheinanderbringt. In den Wüsten an den Pazifikküsten Südamerikas fallen dann zum Beispiel um die Weihnachtszeit oft sintflutartige Regenfälle – die Peruaner nennen dieses alle paar Jahre auftauchende Phänomen deshalb nach dem spanischen Wort für Christkind „El Niño“. Ein solcher El Niño sorgt gleichzeitig für Dürren und Hitzesommer in Australien, während den benachbarten Neuseeländern ein kühler und verregneter Sommer so manche weihnachtliche Grillfeier verhagelt. Und in Kalifornien fallen die Winter in El- Niño-Jahren meist ziemlich kalt aus.

Während in Los Angeles also Schneeschauer sonnenverwöhnte Kalifornier zittern lassen, stoppt der Orkan Kyrill in Deutschland die Deutsche Bahn und treibt gleichzeitig die nächtlichen Temperaturen in Wien vom 18. auf den 19. Januar auf 19,7 Grad über dem Gefrierpunkt. Bei Turin bläst ein Föhnsturm die Quecksilbersäule sogar bis auf 27 Grad – und beweist so, wie unterschiedlich das Wetter auch im Klimawandel ist.

Diese Variabilität macht es den Forschern so schwer, aus aktuellen Wetterdaten den Klimawandel zu beweisen. Die Daten aber der 30 Jahre von 199l bis 2020 dürften die meisten Regionen deutlich wärmer zeigen als von 1961 bis 1990, meint Klimaforscherin Lefebvre: Schon die ersten 15 dieser 30 Jahre waren eindeutig wärmer – ein klares Indiz für den Klimawandel aus Menschenhand.

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