Welt : Duell im Abendlicht

Sabine Heimgärtner

Selten hat sich Paris so einmütig mit einem einzigen Thema befasst, dem Rückzug des großen Modedesigners Yves Saint Laurent. Der große Meister der Mode hatte am 7. Januar in einer unendlich sentimentalen "Adieu-Pressekonferenz" das Ende seiner schöpferischen Tätigkeit angekündigt und "toute Paris" war wie vom Schock getroffen. Prominente Frauen haben den eilig in die französische Hauptstadt gereisten Journalisten hysterisch in die Mikrophone gehaucht, sie müssten den Rest ihres Lebens nun nackt verbringen, weil sie nicht mehr wüssten, was sie anziehen sollen.

Der abrupte Abgang des großen Designers, der den Hosenanzug und das streng geschnittene Kostüm für die weibliche Kundschaft gesellschaftsfähig machte, setzte zugleich eine Diskussion über die Zukunft der Haute Couture in Gang, der Mode, die sich seit Jahrzehnten dem Individuum Frau zuwendet - entworfen, genäht und gestichelt für die einmalige weibliche Kreatur, unwiederholbar und weit entfernt von jeglicher Stangenware wie der Pret-a-porter.

Der Abschied von Yves Saint Laurent hat aber auch die Eifersüchteleien, Konkurrenzen und Neidattacken in der französischen Modebranche offen gelegt, nicht zuletzt deshalb, weil Yves Saint Laurent heute mit einem für Paris einmaligen Spektakel die Modebühne verlassen wird. Für seine letzte Modenschau hat der Große der Großen kein geringeres Gebäude als das Centre Pompidou angemietet, mehr als 200 Models werden ihm die letzte Ehre erweisen, tausende Mitarbeiter des Museums sind seit fünf Tagen dabei, das große Ereignis vorzubereiten. Gebaut werden musste ein 35 Meter langer Laufsteg, über sechs Meter breit, einsehbar von zwei Zuschauerbühnen aus für 2000 geladene Gäste. Aber damit nicht genug: Auf dem Platz vor dem Centre Pompidou wird die voraussichtlich tränenreiche Glitzerschau auf zwei großen Leinwänden zu verfolgen sein, vier Kanäle übertragen das Mode-Ereignis live im Fernsehen.

Der einzige Kollege, der es bislang gewagt hat, den medienwirksamen gloriosen Rückzug von Yves Saint Laurent zu kommentieren, ist Karl Lagerfeld, der zeitgleich mit Laurents letztem Defilée seine Chanel-Mode für die kommende Sommersaison vorstellt. Chanel-Konkurrent Lagerfeld schert sich einen Teufel um das "große Modegenie des letzten Jahrhunderts", wie Yves Saint Laurent jetzt gerne in der Presse tituliert wird, nimmt an der Veranstaltung nicht teil, sondern sorgt stattdessen für das Fortkommen seines eigenen Ladens. "Was soll das Theater, das um ihn gemacht wird", vertraute der schwarz bebrillte Beau der Zeitung "Le Journal du Dimanche" an, "er geht in Rente, das ist alles." Die Abschiedsveranstaltung sei eine "Beerdigung ohne Leiche" und: "Brigitte Bardot hat eines Tages auch aufgehört Filme zu drehen und das Kino ist nicht gestorben."

Nicht so ironisch, aber ähnlich entschlossen wie Lagerfeld setzen die anderen großen elf Pariser Modehäuser dieser Tage ihre Haute-Couture-Schauen in Szene und nicht selten beginnen die Berichte in der Presse mit dem Satz: Wer hat eigentlich gesagt, dass die Haute Couture tot sei? "Nie war sie so vibrierend wie jetzt, nie so spannend, weil eine neue Epoche angebrochen ist - junge Designer, andere Kundinnen", schreibt "France Soir" am Tag vor der Saint-Laurent-Mega-Show. Tatsächlich sind die Frauen, die sich heute eine Haute-Couture-Garderobe leisten können und wollen, nicht mehr alternde Prinzessinnen oder Gattinen von Ölscheichs, sondern blühende Stars des internationalen Show-Business.

Schon jetzt ist klar, das Karl Lagerfeld Recht behalten wird, die Pariser Haute-Couture werde auch ohne Yves Saint Laurent überleben, denn alle Großen lieben ihr Metier und werden nicht aufgeben. In vielen Interviews verrieten sie in jüngster Zeit in den französischen Medien die Gründe für ihre Passion. "Der beste Ausdruck von Individualität" (Christian Lacroix), "Sauerstoff für unser Unternehmen Dior" (John Galliano), "Die Haute Couture ist das Labor für alle Ideen und die Quelle für alle Handfertigkeiten, von der Stickerei über die Pailletten-bis hin zur Spitzenherstellung." (John Galliano), "Die Haute Couture ist das einzige Handwerk, das Träume aus der Kindheit wahrmacht." (Jean-Paul Gaultier), "Haute Couture, die Arbeit der Ameise, man nimmt sich Zeit an einem Modell bis zum bitteren Ende." (Jean-Paul Gaultier) und: "Die Haute Couture kümmert sich um den Körper einer Person, rundum die Uhr, vollkommen, wie bei einer Psychotherapie", sagte Jean-Paul Gaultier.

Zu Jean Gaultiers Schauen versammelten sich am Wochenende die jungen Schönen Hollywoods - Madonna, Gwineth Paltrow, Boy George, Ron Wood und Catherine Frot, sogar Chelsea Clinton war da. Madonna hat das Mode-Wochenende in Paris dazu benutzt, alte Freunde zu treffen. Nach der Versace-Show am Samstagabend, zu der sie gemeinsam mit der Schauspielerin Gwyneth Paltrow in einem Privatjet angereist war, ging sie mit ihrer Freundin, der Modedesignerin Stella McCartney, essen. Am Tag darauf lud sie Couturier Jean-Paul Gaultier nach seiner Modenschau zum Lunch ein - mit am Tisch saß die Schauspielerin Sigourney Weaver. Sonntagabend flog Madonna nach London zurück.

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