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Duisburg : Wie es zum Unglück auf der Loveparade kommen konnte

19 Tote, 342 Verletzte: Die Loveparade in Duisburg wurde zur Tragödie. Wie konnte das passieren?

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Der Zugang zu einem 300 Meter langen Tunnel wurde vielen Menschen zum Verhängnis. Dieser war sowohl Ein- als auch Ausgang des Party-Geländes. Und weil von beiden Seiten Menschenmassen strömten, gab es für viele auf dem Gelände keine Ausweichmöglichkeiten mehr, außer eine hohe Treppe und Fahnenmasten, viele stürzten ab. Die genauen Umstände sind noch ungeklärt. Aber die Suche nach den Ursachen und Verantwortlichkeiten hat begonnen. Im Blickpunkt stehen die Stadt Duisburg und die Veranstalter.

Wie reagieren die Verantwortlichen?

In den Tagen vor der Techno-Parade hatten sich die Verantwortlichen der Stadt gerne vor der Öffentlichkeit präsentiert und gemeinsam mit dem Veranstalter der Loveparade und den Machern der Kulturhauptstadt 2010 darauf hingewiesen, wie sehr sie sich auf das größte Ereignis im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres freuen. Am Sonntag aber ist Unsicherheit zu spüren. Auf dem Podium sitzen Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU), Organisator Rainer Schaller, Duisburgs Polizeipräsident Detlef von Schmeling und Wolfgang Rabe, Sicherheitsdezernent der Stadt Duisburg. Als erstes spricht der Oberbürgermeister. Ohne jede Regung liest er vom Blatt einige Trostformeln ab, natürlich spricht er den Angehörigen noch einmal sein Beileid aus und am Ende wird er sagen, dass er später die Verletzen in den Krankenhäusern besuchen wird.

Nicht wenige hatten darauf gesetzt, wenigstens einige der drängenden Fragen beantwortet zu bekommen. „Warum haben Sie Eingang und Ausgang nicht getrennt“, wollen jene wissen, die mit den Örtlichkeiten vertraut sind. Im Raum schwebt der Vorwurf, der Veranstalter habe aus bisher noch nicht bekannten Gründen den Eingang kurz vor der Katastrophe gesperrt, obwohl das Gelände längst nicht gefüllt war. Doch Sauerland weicht aus und verweist nur auf die Staatsanwaltschaft. Als er gefragt wird, welche Verantwortung er denn habe oder zu übernehmen bereit ist, verweist er wieder nur auf die Staatsanwaltschaft. Für großes Erstaunen sorgt nur seine Antwort auf die Frage, ob er persönlich mit der Planung befasst war. „Nein.“

Welche Kritik gibt es?

Die Einsilbigkeit der Verantwortlichen hat einen Grund. Es liegen mehrere Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft vor, häufen sich kritische Berichte zum Sicherheitskonzept der Veranstaltung. Die Behörden hätten auf ein Feuerwehrkonzept verzichtet, berichtet "Spiegel Online" unter Berufung auf ein internes Dokument der Duisburger Bauverwaltung. Zudem sei das Partygelände für lediglich 250.000 Menschen zugelassen gewesen. Ob am Ende wirklich 1,4 Millionen Menschen in der Stadt waren, wie es am Tag zuvor gemeldet worden war, ist nicht mehr zu überprüfen. Der Polizeichef verkündet als einzige belastbare Zahl: „Die Bahn hat 105 000 Menschen über den Bahnhof in die Stadt transportiert, andere Zahlen haben wir nicht.“ Augenzeugen schildern andere Zustände, das Gelände mit einer Kapazität von bis zu 500 000 Menschen war gut gefüllt, aber nicht überlastet. In der Stadt bewegte sich eine kaum zu übersehende Menge, die ab fünf Uhr nachmittags am Güterbahnhof sein wollte. Weil zum gleichen Zeitpunkt aber schon viele das Areal verlassen wollten, begegneten sich Ankommende und Abreisewillige. Der Stau entstand ausgerechnet auf der Rampe, die zum Güterbahnhof führt und die man nur über einen langen vierspurigen Autotunnel erreichen konnte. Als der Eingang geschlossen wurde, ging es für viele weder vor noch zurück. Einige versuchten, das Gelände über eine mindestens acht Meter hohe Wand zu erreichen, und kletterten zum Teil an Fahnenmasten hoch. Hier entwickelte sich die Katastrophe. „In der Tat hat es die meisten Opfer und vor allem auch Tote durch Sturzverletzungen gegeben“, erklärt der neue nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD), er wohnt selbst in Duisburg, am Tag danach. An der Polizei habe es nicht gelegen: „Wir hatten 4000 Polizisten da.“

Fehler hat es laut Augenzeugenberichten offenbar auf dem Veranstaltungsgelände selbst gegeben, wo die Polizei nicht mehr zuständig ist.

Die Loveparade und ihre Folgen
Gegen 16 Personen wird wegen des Loveparade-Unglücks ermittelt. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland ist nicht darunter.Weitere Bilder anzeigen
1 von 51Foto: dpa
18.01.2011 16:42Gegen 16 Personen wird wegen des Loveparade-Unglücks ermittelt. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland ist nicht darunter.

Gab es Warnungen im Vorfeld?

Vor allem im Netz kursierten schon in den Tagen vor der Loveparade etliche Warnungen. Zahlreiche Kommentatoren kritisierten das Sicherheitskonzept als Drahtseilakt. Experten warnten vor einem möglichen Chaos. Auch die Feuerwehr Dortmund, die die Duisburger Kollegen beraten hatte, soll davon abgeraten haben, Eingang und Ausgang zusammenzulegen. Die Staatsanwaltschaft Duisburg kennt diese Vorwürfe und hat inzwischen die Unterlagen der Stadt beschlagnahmt, in denen sich nach Informationen des Tagesspiegels entsprechende Hinweise finden sollen. Mindestens ein Verantwortlicher aus Dortmund hat sein Wissen inzwischen den Ermittlern offenbart und auch sein absolutes Unverständnis über die Planung zu Protokoll gegeben. Er kennt sich auch deshalb gut aus, weil im Jahre 2008 rund 1,6 Millionen Menschen die Loveparade rings um die Westfalenhallen gefeiert haben und niemand zu Schaden gekommen war. „Kein Kommentar“, hieß dazu am Sonntag von den Duisburger Verantwortlichen.

Nicht nur die Opfer setzen jetzt darauf, dass die Staatsanwaltschaft ergiebigere Auskünfte bekommt und damit die Verantwortung deutlich wird. „Das Sicherheitskonzept hat die Stadt gemeinsam mit dem Veranstalter ausgearbeitet, sonst niemand“, sagt einer, der die Sache von Bochum her kennt. Die Bochumer haben die Loveparade im vergangenen Jahr abgesagt, weil man glaubte, die Sicherheit nicht gewährleisten zu können. Bochums früherer Polizeipräsident Thomas Wenner kündigte an: „Ich zeige den Oberbürgermeister der Stadt Duisburg, die leitenden Beamten der Stadt und die Veranstalter an.“ Wenner hatte im vergangenen Jahr als amtierender Polizeipräsident die ursprünglich für Bochum geplante Loveparade aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Was weiß man über die Todesopfer?

Alle 19 Todesopfer sind mittlerweile identifiziert. Wie die Polizei am Sonntagabend mitteilte, handelt es sich um elf Frauen und acht Männer. Elf von ihnen stammten aus Deutschland, die acht anderen aus dem Ausland. Den Angaben zufolge kommen sie aus Australien, den Niederlanden, Italien und Bosnien-Herzegowina. Zudem handelt es sich um zwei Spanierinnen, die in Münster lebten und eine Chinesin aus Düsseldorf.

Die deutschen Opfer stammen laut Polizei aus Gelsenkirchen, Münster, Castrop-Rauxel, Bad Oeynhausen, Bielefeld, Mainz, Lünen, Hamm, Bremen, Steinfurt und Osnabrück. Die Toten waren zwischen 18 und 38 Jahre alt. Zum Gedenken an die Opfer ordnete Innenminister Ralf Jäger am Sonntagabend Trauerbeflaggung für alle öffentlichen Gebäude in Nordrhein-Westfalen an.

Was machte Berlin anders?

In Duisburg konzentrierte sich die Loveparade auf einen Platz, der zudem eingezäunt war und nur einen Zugang hatte. Laut Polizeichef Schmeling ist die Absperrung notwendig gewesen, weil auf der einen Seite des Geländes Schienen der Bahn verliefen und auf der anderen Seite die Autobahn A59. In Berlin waren die Teilnehmer der Parade in Bewegung; in den ersten Jahren zogen sie den Kurfürstendamm entlang, dann die Straße des 17. Juni. Teilnehmer konnten entlang der Strecke zum Zug stoßen oder ihn auch wieder verlassen. Auch bei der Abschlussfeier am Großen Stern blieb der Zugang zum Tiergarten frei. Dagegen gab es bei den Fanmeilen zu den Fußballweltmeisterschaften Zäune entlang der Partymeile auf der Straße des 17. Juni – aber mit über 20 Ein- und Ausgängen. Bei Gefahr hätte der kleine Zaun zudem leicht umgestoßen werden können. Das war in Duisburg nicht möglich.

Wie verhielt sich die Bahn?

Auch hier unterscheiden sich die Konzepte von Duisburg und Berlin. Bei der Loveparade in Berlin setzte die Bahn auf eine dezentrale Lösung. Sonderzüge und Regionalbahnen hielten auf Stationen am Stadtrand; die Raver fuhren dann meist mit der S-Bahn ins Zentrum und stiegen auf verschiedenen Bahnhöfen aus. In Duisburg konzentrierte man sich auf den dicht beim Veranstaltungsort liegenden Hauptbahnhof, zu dem über hundert Sonderzüge im Nahverkehr fuhren. Der Fernverkehr wurde umgeleitet. Wegen des großen Andrangs musste der Zugverkehr zum Hauptbahnhof mehrfach eingestellt und die Station gesperrt werden. Zudem liefen Besucher über die Gleise zum Party-Areal, was auch zu einem Stopp des Zugverkehrs führte. Problemloser war dann nach Angaben eines Bahnsprechers die Abreise, bei der es allerdings Verspätungen gab.

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