Welt : Dumbledore in Gefahr

Am 16. Juli erscheint der neue Harry Potter – auf Englisch. Die deutsche Ausgabe kommt am 1. Oktober

Hilal Sezgin

Kaum klettern die Vorbestellungen bei amazon in die Hunderttausende, kaum ist die runde Nickelbrille auf dem Buchcover zu sehen, da kribbelt es in den Fingerspitzen. Buchseiten wollen umgeblättert werden. Vorfreude macht sich breit: Das Erscheinen eines neuen Harry Potter ist längst zu einem sommerlichen Fixpunkt geworden – genau wie die Wiedereröffnung der Eissalons, der erste Sonnenbrand oder die Zeugnisausgabe vor den großen Ferien. Aber letztes Jahr erschien doch gar kein neuer Harry Potter! Stimmt. Aber so gesehen war es halt ein verregneter Sommer. Dem großen Tag des Erscheinens selbst gehen ein paar rituelle Handgriffe und Verrichtungen voraus, die sich jedes Mal wiederholen und daher jetzt, beim sechsten (und damit wohl vorletzten) Harry-Potter-Band, als fest etabliert gelten dürfen. Erstens fragt sich jeder: Wer stirbt? Zweitens muss geklärt werden: Wie werden die Bücher bewacht? Und drittens: Welcher Ort der Muggelwelt wird dieses Mal zur magischen Kulisse verwandelt, vor der die Autorin J.K. Rowling ihr neues Werk einer ausgesuchten Schar junger Leser in weiten Capes und spitzen Zauberhüten präsentieren wird?

Um mit dem letzten Punkt anzufangen: Dieses Jahr gibt man sich nicht mit einem schwarz-roten Hogwarts-Express zufrieden, sondern amüsiert sich in der Zaubererschule Hogwarts höchstselbst. Edinburgh Castle – wer einmal da war, wird sich erinnern, dass es sich nicht gerade um ein schnuckliges Minicastle handelt – soll zu Hogwarts umgestaltet werden, Joanne Rowling dort am 16. Juli die erste Lesung aus dem neuen „Harry Potter and the Half-Blood Prince“ abhalten. Siebzig Kinder aus aller Welt sind dazu eingeladen, und wie der Daily Record berichtet, ist die kleine Amy aus Dundee, die das große Los gezogen hat, schon ganz aufgeregt: „Das wird magisch. Das muss ich gleich meinen Freundinnen erzählen.“

Punkt zwei: die Sicherheitsvorkehrungen. Sie dürften die involvierten Logistikexperten ebenso viel Phantasie, Nerven und Nachgrübeln kosten wie Joanne Rowling das Ausdenken neuer Geheimgänge, Zaubertränke, Schurken und sprechender Wandgemälde. Oder vielleicht sogar noch mehr. Jedenfalls erscheint die deutsche Ausgabe am 1. Oktober, und über die GGP Druckerei im thüringischen Pößneck werden bereits die absonderlichsten Dinge über die überbordenden Sicherheitsmaßnahmen gemunkelt.

Das größte Geheimnis: Wer stirbt? Es ist erstaunlich, mit wie viel Verve sich die Wett-Welt immer wieder auf diese Frage wirft, als ob das Sterben bei Harry Potter ein ganz neues, und zwar das entscheidende Geheimnis des jeweils erwarteten Abenteuers sei. Was mitnichten der Fall ist. Auch in den letzten beiden Bänden wurde gestorben und vorab gemunkelt und gefürchtet, es könne den alten Dumbledore oder Sommersprosse Ron Weasley treffen.

Und so „entschlüpfte“ Frau Rowling auch dieses Mal nur eine bedauerlich vage Andeutung … Vor einigen Tagen wurde nun bekannt: Im Dorfe Bungay, Suffolk, Südengland, wo die englische Ausgabe gedruckt wird, hätten auffallend viele Leute auf Dumbledore gesetzt.

Zwischenzeitlich wurden deshalb sogar keine Wetten mehr angenommen. Dann doch wieder, aber zur Quote von 1:5. Noch später kursierte das Gerücht, es seien 9000 Pfund auf Dumbledore gesetzt worden – insgesamt! Hätte aber wirklich jemand einen Blick in „Harry Potter and the Half-Blood Prince“ geworfen – hätte der allein nicht mehr als 9000 Pfund gesetzt, und das raffinierterweise nicht im kleinen Bungay, wo jeder jeden kennt, sondern in – sagen wir mal, bei Amy in Dundee? Wahre Harry-Potter-Fans interessieren sich ohnehin weder fürs große Geld noch für Mord, sondern für ganz andere Dinge.

Wir haben uns eine bunte Zaubertröte gekauft, um Harry beim Quidditchturnier lauthals zu unterstützen. Wir drücken die Daumen, dass Hermione weder von Prüfungsangst befallen noch von der Pubertät zu hart in die Zange genommen wird. Wir möchten, dass die Weasleys sich auch mal einen richtig schönen Urlaub gönnen können, obwohl sie so wenig Geld haben, und dass es mit Harrys Onkel und Tante charakterlich bergauf geht. Bis es so weit ist, freuen wir uns an Zauberbohnen und Butterbier, sitzen mit Hagrid am Kaminfeuer und warten geduldig ab, was die nächste Eulenpost uns bringt.

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