Welt : Dunkler als die Nacht

Auch München hat eine hässliche Seite. Sie heißt Hasenbergl. Dort haben Jugendliche eine Schwangere geprügelt. Sie verlor ihr Kind

Mirko Weber[München]

Sie kamen gerade aus dem Kino, die 21-jährige Türkin Sibel Y. aus Unterhaching, ihre 17-jährige Schwester Sultan und ihre 14-jährige Kusine Seycan. Es ist Sonntagabend, kurz nach acht Uhr. Sie laufen die Wintersteinstraße entlang, eine triste Straße im Münchner Hasenbergl. Bei den Eltern der Kusine warten Sibels Eltern. Kurz vor der Ecke zur Stösserstraße haben sie ihr Ziel fast erreicht. Zwischen den heruntergekommenen Hochhäusern ist es ziemlich dunkel. Das von der Diakonie betriebene Stadtteilcafé, mit dem die soziale Infrastruktur im Hasenbergl verbessert werden soll, hat am Sonntag geschlossen. Vor dem Café blockieren graue Müllcontainer die Straßenbiegung, und vor den Müllcontainern stehen sieben Jugendliche mit Masken auf dem Kopf. Sibel und ihre Begleitung sehen sie erst im letzten Augenblick.

Es ist die Nacht vor dem Nikolaustag, aber es gibt keinen Nikolaus unter den Jugendlichen, nur so genannte Krampusse. Sie tragen Masken auf dem Gesicht und Nylonstrümpfe. Es ist ein alter Brauch in Teilen Bayerns, dass junge Männer als „Krampus“ verkleidet durch die Straßen laufen. So heißt dort Knecht Ruprecht, der Begleiter des Nikolaus, dem Brauch nach eigentlich dafür zuständig, ungezogene Kinder zu bestrafen. In den vergangenen Jahren erfuhr dieser Brauch einen zunehmenden Missbrauch durch Jugendliche, die mit ihren Ruten, ihren furchterregenden Masken und Ketten Passanten erschrecken. Die Münchener Polizei meldet immer öfter solche Gruppen von Maskierten, die ihr Unwesen treiben.

Als die Jugendlichen die drei türkischen Frauen sehen, wird geschrien und mit Ketten gerasselt. Die Frauen kehren um. Die Münchner Polizei rekonstruiert später, dass die Frauen von den Jugendlichen schnell eingeholt werden. Die Jugendlichen fangen an, die Frauen zu schlagen. Sie tragen Teufels-, Affen- und Skelettmasken und haben mehrere Rutenbündel dabei, die mit Isolierband zweimal zu einer Art hartem Knüppel gebunden worden sind. Sibel Y. fällt unter den Schlägen auf den Bauch und ruft: „Ich bin schwanger, ich bin schwanger.“ Sibel Y. ist im sechsten Monat. Die Jugendlichen lassen nicht nach. Die beiden anderen Frauen können Sibel kaum helfen. Sie wird hochgerissen. Von hinten trifft sie ein Streich mit einer Hundekette. Von vorne ein Schlag mit einem Besenstiel oder einem Baseballschläger. Sibel bricht zusammen. Die Jugendlichen lassen von den Frauen ab und laufen weg. Als die Straße heller wird, weil Anwohner das Licht vor dem Haus anschalten, setzen bei Sibel die Wehen ein. Ein benachrichtigter Krankenwagen bringt sie in die Schwabinger Klinik. Sie ist fast zehn Kilometer vom Hasenbergl entfernt. In Schwabing kann nur noch der Tod des Kindes festgestellt werden.

Die Wintersteinstraße beginnt im Hasenbergl an der St.-Nikolaus-Kirche, einem Betonbau, der so düster aussieht wie die Sparkasse ums Eck. Die Sparkasse ist längst geschlossen worden. Im Hasenbergl wird nicht gespart. Wo kein Geld ist, wird auch keins auf die Bank gebracht.

Hasenbergl ist München und doch nicht München. Hasenbergl ist die Bronx der Stadt, ganz weit draußen, im äußersten Norden. Auf dem Weg dorthin kann man sehen, wie sich allmählich erst die großbürgerliche und dann die kleinbürgerliche Wohnstube der bayerischen Landeshauptstadt wie von selbst leert. Zuerst verschwinden die mondänen Geschäfte, dann die Wirtshäuser, gerade dass ein Brotzeitstüberl übrig bleibt. Dann gibt es nur noch eine weite Fläche mit hohen, abweisenden Fassaden. Im Hasenbergl wohnen Griechen, Türken, Kosovo-Albaner, Sinti, Deutsche. Die Arbeitslosenquote ist die höchste in der Stadt. Mehr als 60 Prozent der Grundschüler sind lernbehindert, werden misshandelt oder misshandeln selber. Wolfgang Wenger, der Polizeisprecher der Stadt München, sagt, dass es der Polizei wichtig gewesen sei, „schnell zu handeln“. Alle Schulen am Hasenbergl werden durchsucht und Vernehmungen geführt. Sieben mögliche Täter werden einer eingehenderen Befragung unterzogen. Es sind Buben und junge Männer zwischen 13 und 18 Jahren. Fünf sind gebürtige Deutsche, zwei sind Ausländer, ein Albaner und ein Italiener. Es handelt sich, wie Wenger meint, um eine „multikulturelle Gruppe“. Die Nationalität des Opfers sei ihnen wohl egal gewesen. Einen rechtsradikalen und auch einen ausländerfeindlichen Impuls könne man ausschließen. Das Kind von Sibel Y. aber ist tot.

Das, sagen die Mütter am Frühstückstisch im Stadtteilcafé im Hasenbergl, sei das Schlimmste. Jeder sagt das hier, wenn er etwas sagt. Im Stadtteilcafé stehen türkische Fähnchen in den Blumenvasen. Zu Mittag gibt es Tarhana Corbasi, Auberginen mit Hackfleischsoße. Vorne sitzen die deutschen Frauen, mittendrin die türkischen Männer und am Rand die Senioren. Manchmal gibt es einen gemischten Tisch, aber es gibt nur eine Meinung: Etwas Schlimmeres als einen Mord an einem ungeborenen Kind hat es im Hasenbergl noch nicht gegeben. Warum aber keiner die Schreie gehört hat? „Man hört hier besser weg“, sagt Arduc Mehtin, ein Verkäufer. „Ich höre nicht viel. Und ich spreche auch wenig“, sagt der Mann.

Der Mann von Sibel Y. ist in der Türkei nicht erreichbar. Sein Kind wäre ein Junge geworden. Er hätte Polat heißen sollen.

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