Welt : Durch die Hölle

Wie der Dramatiker Moritz Rinke die Aufführung seines Stückes „Der graue Engel“ mit Lilo Wanders in Hamburg erlebte

Moritz Rinke

Ich bin einmal mit Lilo Wanders durch die Hölle gegangen. Aber zuerst die Vorgeschichte: Lilo Wanders, die Hamburgerin, ich sag es gleich, halte ich für eine wirkliche Künstlerin. Als mein Verlag sagte, die Wanders aus der Sendung „Wa(h)re Liebe“, die wöchentlich über das Neueste auf dem Erotik-Markt berichtet, sie spiele jetzt den „Grauen Engel", da rief ich: „Na, wenn das mal gut geht!“ Natürlich habe ich gleich „Vox“ angeschaltet und sah sie, diese riesige Frau mit ihrer Marlene-Dietrich-Perücke, wie sie zwischen piepsenden Porno-Sternchen stand und komischsten Club-Berichten, in denen deutsche Paare sexuelle Übungen machen und dabei gucken, ob unter den Matratzen gute Hygiene herrscht. Die Wanders stand in ihrer Sendung mit ihren bestimmt 1 Meter 80 wie ein Leuchtturm, der zwar den Schiffchen da unten ein paar Signale sendet, aber im Prinzip schwebte sie weit entfernt über dem profanen Verkehr.

Dann gab es die Uraufführung vom „Grauen Engel" in Frankfurt, diesem Stück, in dem ich versuchte, die Einsamkeit meiner Zivildienst-Frauen mit jener der letzten Monate von Marlene Dietrich zusammenzubringen. Wanders, man kann es sagen, triumphierte. Sie und ihre Regisseurin, Brigitte Landes, hatten auch gleich die zweite Figur in dem Monolog zu zweit hinausgeschmissen und alles auf die Wanders zugeschnitten, aber es funktionierte. Zwei Jahre Gastspiele folgten quer durchs Land, einmal sogar in Bremen, wo die drei Frauen, mit denen mein Vater verheiratet war, nebeneinander aufgereiht saßen und weinten. Wenn ein Theaterabend die drei Frauen meines Vaters nebeneinander sitzend zum Weinen bringt, ich meine, dann kann das ja nur ein großer Abend sein!

Vor kurzem nun Gastspiel in den „Fliegenden Bauten“ in Hamburg in der Glacischaussee, erstmals kein reines Theaterambiente, sondern ein bewährtes Zelt für Show, Variete, Chanson, große Unterhaltung. Nach dem Triumph meiner drei weinenden Mütter in Bremen wollte ich jetzt auch Hamburg zerfließen sehen. „Meinst du, die Wanders hat ein paar Gogo-Girls mitgebracht?", fragt jemand am Eingang. An der Garderobe vor mir eine Frau mit einem glitzernden Gala-Kleid mit einem Tiger quer über die Brust, ihr Begleiter fragt: „Gibt’s drinnen Bier vom Fass?“ – „Ursula, bin ich gespannt auf die Musikeinlagen!“, sagt eine ältere Dame zu einer anderen, und ich denke, Scheiße, es gibt ja überhaupt keine Musikeinlagen, soll ich jetzt noch schnell zur Technik laufen, damit die noch irgendwie „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ einspielen?

Drinnen 400 Menschen an Tischen, alle mit Bier vom Fass. Nicht, dass ich was gegen Bier hätte, nein, aber wie die an ihren gedeckten Tischen mit Messer und Gabel saßen und nach vorne guckten wie auf eine Schlachtplatte, über der nur noch das Tuch weggezogen werden muss! Ich lief sofort zu Herrn Grund, dem Kritiker der „Welt“, und sagte, es sei möglich, dass es nach 10 Minuten etwas unruhig wird, da manche vielleicht auch Gogo-Girls und Musikeinlagen wollen, nicht aber unbedingt neue deutsche Dramatik und eine Sprache, die sich, wissen Sie, im Fortlauf selbst dekonstruiert und die eigentlich eines konzentrierten Raumes bedarf. Dasselbe sagte ich zu meinem Hamburger Zahnarzt, der freundlicherweise gekommen war, und meinem Bruder, der aus Lüneburg anreiste zu acht.

Es begann, und nach fünf Minuten war es so, als seien 20 Pferde im Raum, die alle in ihrer Box aus Futtermangel mit den Hufen über den Holzfußboden schaben. Nach zehn Minuten, genau vor mir, schrie ein Mann seine Tischdame an: „Was ist denn das für eine Scheiße, Hildegard?!“ – „Hab ich doch nicht ausgesucht, Fritz!“, rief sie zurück. „Frag Sabine!“ Sabine war die jüngere Frau am Tisch, und dann rief der Mann, und ich glaubte es nicht: „Sabine, geh an die Kasse und frag, ob das die Vorgruppe ist!" Sabine ging, mit Freund, dem Schwiegersohn vermutlich, vorne an der Bühne vorbei, quasi mitten durchs Bühnenbild. Mittlerweile hatten sich die Pferde aufgebäumt und ich hörte Flaschen deutlich zu Boden fallen. Neben mir saß Armgard Seegers-Karasek, die vielleicht bald Kultursenatorin in Hamburg werden wird, sie sagte: „Ich finde dein Stück sehr poetisch, nur leider versteht man so schlecht.“ Da hatte sie Recht. Links außen gab es mittlerweile Menschenbewegungen, wie man sie zur Halbzeit in der AOL-Arena kennt. Sabine mit ihrem Gatten lief auch gerade wieder an Wanders vorbei durchs Bühnenbild zurück zu Hildegard und sagte: „Nee, das ist nicht die Vorgruppe, das ist die Hauptgruppe!“ Dann kicherte sie und sagte, „Mensch, nun habt doch mal ein bisschen Humor, wir können uns doch ein bisschen unterhalten.“ Unterhalten, ich fass es einfach nicht, meinte sie ganz wörtlich!

Mein Blick wanderte zu Herrn Grund, dem „Welt“-Kritiker, der abwechselnd die Menschenbewegungen verfolgte oder die angeregte „Unterhaltung“ hinter ihm. Ich selbst sah mittlerweile wahrscheinlich aus wie meine drei weinenden Mütter gleichzeitig; Katharina Abt, die hinreißende Schauspielerin und Schwiegertochter von Seegers-Karasek, war mittlerweile die Einzige im Saal, die über meinen Text lachte, der ja – ich schwöre es – tatsächlich komisch ist! In Bremen war er komisch und tragisch zugleich, ja, aber hier, hier zwischen den ganzen Pferden, dem Bier vom Fass und Hildegard und dieser trampelnden Sabine quer durchs Bühnenbild hindurch, diese Ziege, kann die nicht außen abgehen??! – wie sollte da der Text seine stille Komik und Trauer entfalten?! Wie??! Ich war klitschnass, hinten lief der kalte Schweiß, vorne qualmte ich Seegers-Karaseks Zigaretten weg, die ganze Schachtel, der Saal war wohl schon halb leer, meine Verlegerin sah auf ihre Schuhe, nur mein Zahnarzt saß da mit einem so ernsten, starr nach vorne gerichteten Gesicht, dass ich dachte, so wird er gucken, wenn ich Parodontose habe. Mein Bruder, der vom Tisch mit seinen acht Freunden aus Lüneburg aufgestanden war und zu mir rüberschlich, fragte: „Sag mal, stört das Lilo Wanders eigentlich gar nicht?“

Gute Frage. Ich hätte wahrscheinlich abgebrochen, wäre weggelaufen, aber die Wanders spielte weiter und weiter und plötzlich so, als sei sie wie ein Leuchtturm über allem. Natürlich hatte sie das Publikum aufgegeben, das von ihr Gogo-Girls und was für die Schlachtplatte verlangte, aber je schrecklicher es wurde, je mehr ich qualmte und verbrannte und die Leute durch die AOL-Arena rannten oder schrien „Ist das die Hauptgruppe, oder was?!“ – je mehr wurde es der Monolog meiner Zivildienstfrauen und vielleicht der Monolog der verlassenen Marlene. Keiner wollte sie mehr so, wie sie jetzt war, alle wollten sie auf ihre alten Bilder festlegen. Marlene hatte sich, um die alten Bilder zu behüten, eingeschlossen und das andere nicht mehr zugelassen. Lilo Wanders aber trotzte mit so einer Stärke und Würde ihrem Image und ihren alten Bildern, dass es immer mehr das Ende des Stückes wurde, wo der Engel plötzlich auf seine Vergangenheit pfeift, loslässt und seinem imaginierten Publikum nur noch die Brocken seiner Biografie hinwirft und es mit neuen Sichten konfrontiert. Lilo Wanders hätte jetzt auch die Perücke abstreifen können, und wir hätten gesehen, dass sie ein Mann ist, Ernie Reinhardt heißt und mit dem Theater ein Ende macht. Ja, es war ein großer Abend, und ich danke Hildegard und ihren Anverwandten. Vereinzelter Applaus.

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