Welt : Durchlässige Mauern

Aus dem Vatikan dringen neue Dokumente in die Welt. Angefeindet wird der Privatsekretär des Papstes.

Paul Kreiner[Rom]
Stets zu Diensten. Gänswein Foto: dpa
Stets zu Diensten. Gänswein Foto: dpaFoto: dpa

Auch nach der Verhaftung des päpstlichen Butlers, Paolo Gabriele, wühlt der „Maulwurf“ im Vatikan weiter. Das berichtet zumindest die linksliberale römische Tageszeitung „La Repubblica“. Sie will aus verschwiegener Insider-Quelle einen Drohbrief gegen den deutschen Privatsekretär des Papstes, Georg Gänswein, sowie gegen Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone erhalten haben. Bertone und Gänswein werden in dem Brief als „die wahren Verantwortlichen für den Skandal“ denunziert – also für die Weitergabe geheimer Vatikandokumente. Der Briefschreiber droht mit der Veröffentlichung „hunderter“ solcher Schriftstücke für den Fall, dass Gänswein und Bertone nicht „aus dem Vatikan verjagt“ würden.

Wie diese Drohung mit dem inzwischen „Vatileaks“ genannten Skandal zusammenhängt, ist schwer durchschaubar. Vatikanexperten zweifeln die Echtheit des Schreibens an, vermutet wird ein Trittbrettfahrer von außen.

Dem Drohbrief fügt die „Repubblica“ ein weiteres internes, aber nicht geheimes Schreiben bei – diesmal vom obersten vatikanischen Gerichtspräsidenten, Kardinal Raymond Leo Burke –, sowie zwei Blatt Briefpapier mit Gänsweins Unterschrift, aber ohne jeglichen Text. Die Herausgabe der „unbequemen“ Zeilen selbst, so die Zeitung, behalte sich der „Maulwurf“ für den Fall vor, dass der Papst seiner Forderung nicht nachkomme.

Es gibt indes keinen Hinweis darauf, dass Gänswein wirklich zwei verhängnisvolle Texte geschrieben hat. Es könnten genauso gut private Geburtstagsbriefe gewesen sein. Auch belegt der Zeitpunkt der Veröffentlichung in keiner Weise, dass zum Beispiel Burkes Brief erst nach der Verhaftung des Hauptverdächtigen nach draußen geschmuggelt worden ist. Vatikansprecher Federico Lombardi meint, die Hintermänner der Affäre hätten Dokumente auf Vorrat gebunkert und würden sie jetzt nach und nach verbreiten.

Kardinalstaatssekretär Bertone bezeichnete die Weitergabe der vertraulichen Dokumente als „zweckdienliche Angriffe auf den Papst“. Solche Attacken habe es immer schon gegeben, sagte er am Montagabend in der Nachrichtensendung TG1. Diesmal seien sie aber „gezielter, manchmal auch grausam, zerfleischender und organisiert“.

Ob ein Machtkampf hinter den dicken vatikanischen Mauern um den Kurs der Kirche hinter den Enthüllungen steckt oder eine vor allem den Medien dienliche Kampagne, darüber rätselt Rom weiter. Vor knapp zwei Wochen war der Kammerdiener des Papstes festgenommen worden. Von den jetzt beginnenden offiziellen Vernehmungen des 46-jährigen Gabriele sind wasserdichte Informationen über mögliche Hintermänner und Strippenzieher kaum zu erwarten. Wenn man der „Repubblica“ Glauben schenken will, dann wissen die Ermittler sowieso schon wesentlich mehr: Namen, Telefonnummern, Agenden des mutmaßlichen Diebes von Dokumenten seien in der Hand des vatikanischen Super-Polizisten Domenico Giani. Und es gehe in dieser Affäre um mindestens fünf „Gesprächspartner“ des einst mit Benedikt eng Vertrauten. Darunter sollen auch italienische Bürger sei. Warum aber konnte man in der Wohnung jenes Mannes, der jetzt seiner Zelle den Gang der Dinge abwartet, angeblich päpstliche Dokumente sowie Namen von Journalisten so einfach finden? mit dpa

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