Welt : Echo auf Frei.Wild

Weil die Band aus Südtirol mit rechten Elementen spielt, wollen andere nicht mit ihr zusammen auftreten.

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Bleibt der Echo-Verleihung fern. Mieze, Frontfrau der Berliner Band MIA.
Bleibt der Echo-Verleihung fern. Mieze, Frontfrau der Berliner Band MIA.Foto: picture alliance / dpa

Berlin - „Wir haben unsere Plattenfirma gebeten, dafür zu sorgen, dass unsere Nominierung für den Echo in der Kategorie ,Rock/Alternativ National’ zurückgezogen wird. Wir möchten nicht weiter in einer solchen Reihe genannt werden. Obwohl wir uns gefreut haben, zusammen mit MIA., Die Toten Hosen, Unheilig, und Die Ärzte nominiert gewesen zu sein. Schade um die schöne Aftershowparty …“. Mit diesem Facebookeintrag begründet die Chemnitzer Band Kraftklub ihren Boykott des Musikpreises Echo – und mehr als 15 000 Personen gefällt dies.

Frei.Wild heißt die Band, mit der Kraftklub nicht den Abend verbringen will. Doch warum wird eine Band aus Italien in der Echo- Kategorie „Rock/Alternativ National“ nominiert?

Frei.Wild stammen aus Südtirol, singen auf Deutsch und machen Rockmusik, die mit der ihrer Vorbilder Böhse Onkelz vergleichbar ist. Und auch in der Vergangenheit der beiden Bands gibt es Parallelen. Die Böhsen Onkelz starteten in den 80er Jahren als Skinhead-Band und distanzierten sich in den 90er Jahren vom Rechtsextremismus. Ihre Vergangenheit wurde die Band jedoch nie ganz los.

Die Vergangenheit von Frei.Wild-Sänger Philipp Burger spielt in der bei Neonazis beliebten Rechtsrock-Band Kaiserjäger und in der rechtspopulistischen Südtiroler Partei „Die Freiheitlichen“. Heute gibt sich die Band Frei.Wild unpolitisch. In ihrem Lied „Das Land der Vollidioten“ heißt es „Wir sind keine Neonazis und keine Anarchisten“. Gesungen wird von angeblich unpolitischer Heimatliebe. Auch viele Frei.Wild-Fans wollen nichts mit Rechtsextremismus zu tun haben und verteidigen im Internet heftig ihre Lieblingsband mit den Texten von „Freundschaft und Ehre und so“.

Völkisches und nationalistisches Liedgut sehen hingegen Beobachter der Szene wie Thomas Kuban, Autor des Buches „Blut muss fließen. Undercover unter Nazis“. Er kritisiert an Frei.Wild den Hass auf Andersdenkende, auf „Gutmenschen und Moralapostel“ sowie geschichtsrevisionistische Fragmente in den Texten. Unbestritten ist, dass Frei.Wild in rechtsextremen Kreisen gut ankommt, mit Textpassagen wie „Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat. Ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk“. Die Band bezeichnet ihren Erfolg bei Rechtsextremen zwar als Problem, geht jedoch nicht auf die Ursache dieses Problems ein. Sie fühlt sich vielmehr missverstanden – ihre „patriotische Haltung“ begründet sie mit ihrer Herkunft: „Wir Südtiroler haben aber ein anderes Heimatgefühl als die Deutschen“, sagte Sänger Burger in einem Interview mit den „Ruhr-Nachrichten“.

Unbestritten ist der kommerzielle Erfolg dieses Spiels mit Patriotismus, Nationalismus und Böse-Buben-Image. Die Band füllt inzwischen regelmäßig Konzerthallen mit mehr als 10 000 Fans und verwandelt sie in Bierzelte und Schützenfeste mit einfach gestrickter Rock-Folklore. Die Alben „Gegengift“ und „Feinde deiner Feinde“ erhielten für jeweils über 100 000 verkaufte Exemplare in Deutschland die Goldene Schallplatte. Mit dem Verkaufserfolg rechtfertigt der Bundesverband Musikindustrie die Echo-Nominierung: „Wir sind uns der aktuellen heftigen Diskussionen und der emotionalen Reaktionen bewusst. Die aktuellen und seit Jahren praktizierten Regularien des Echo sehen keinerlei Ausschluss von Bands vor, die sich über Charts-Platzierungen qualifizieren können.“ Da außerdem deutsche Pässe von Bandmitgliedern vorlägen und in Deutschland aufgenommen wurde, seien die Bewertungskriterien für die Nominierung erfüllt, erläutert Andreas Leisdon vom Bundesverband Musikindustrie.

Andere Musiker möchten diese Argumente nicht gelten lassen. Die Band MIA. nimmt von ihrer Echo-Nominierung ebenfalls Abstand: „Wir haben uns heute sehr, aber leider auch nur sehr kurz über unsere Echo-Nominierung gefreut, da unter den aktuell Nominierten mit Frei.Wild eine Band genannt wird, deren Weltbild wir zum Kotzen finden. Es mag nicht in unserer Hand liegen, welche Künstler für einen Echo nominiert werden, aber es liegt in unserer Hand, von unserer Nominierung dankend Abstand zu nehmen.“, heißt es auf der Fanseite.

Die Ärzte möchten anscheinend nicht auf die Echo-Feier am 21. März in Berlin verzichten, äußern sich aber ebenfalls kritisch über die Nominierung der norditalienischen Deutschrocker: „Beim ,wichtigsten deutschen Musikpreis’ ist mal wieder eine politisch fragwürdige Band nominiert. Da uns der Echo sowieso nie interessiert hat und unsere politische Einstellung hinreichend bekannt sein sollte, liegt der Rest in den Händen der sicherlich weisen Juroren.“

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