Welt : Echter Chardonnay aus Shandong

Er schmeckt etwas nach Karamell und Vanille – und jetzt sollen die Chinesen den Weinanbau auch noch erfunden haben

Carolin Jenkner

Der Blick ins Warenregal beim Discounter Plus macht neugierig, aber auch ein bisschen skeptisch: Chardonnay aus China für 3,79 Euro. Chardonnay, das ist eindeutig eine Rebsorte. „Changyu Chardonnay Barrique 2005“ steht auf dem gelben Etikett, darunter eine Zeichnung der Weinkellerei Changyu in der chinesischen Provinz Shandong und ein paar Schriftzeichen. Der Reiz des Exotischen besiegt die Skepsis. Die Flasche ist gekauft. Und eine Stunde später ist der Korken gezogen. „Am Gaumen ein frischer Auftakt“ verspricht das Etikett – stimmt, er ist ja auch auf zehn Grad gekühlt. „Mit Aromen von Trockenobst, Karamell und etwas Vanille“ – wenn man dran denkt, schmeckt man’s auf jeden Fall. Mit dieser Geschmacksnote entspricht der chinesische Chardonnay auch internationalen Standards, bestätigt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut in Wiesbaden.

Wein aus China ist in Deutschland noch eine Ausnahme. Aber er liegt im Trend. Im vergangenen Jahr stellte ein Importeur auf der Fachmesse Pro Wein in Düsseldorf chinesische Weine vor. In diesem Jahr wird es bereits zwei Stände aus dem Reich der Mitte geben. Auch die größte Weinhandelsgruppe Europas, Hawesko, hat im November einen chinesischen Cabernet Sauvignon ins Sortiment genommen. Der Discounter Plus vertreibt den Wein nun im Rahmen einer China-Aktionswoche.

Dass die Chinesen erst jetzt auf den deutschen Markt drängen, verwundert, wenn man das Etikett des Chardonnay näher betrachtet: „Since 1892“. In diesem Jahr entdeckte Chang Bishi, ein chinesischer Händler, die Region Shandong im Osten Chinas für den Weinbau, führte aus Europa 120 Weinsorten ein und gründete die Weinkellerei Changyu. Neue archäologische Erkenntnisse weisen sogar darauf hin, dass die Wurzeln des Weinbaus möglicherweise in China liegen. Bisher galt der Iran als Ursprungsland. In der nordchinesischen Provinz Henan fanden Archäologen 9000 Jahre alte Tongefäße mit Spuren eines vergorenen Getränks aus Reis, Honig und Trauben. Der bisher älteste Wein-Nachweis aus dem Iran ist ungefähr 7400 Jahr alt.

Fest steht aber, dass sich in China jahrhundertelang in Sachen Wein der Reis gegenüber der Traube durchsetzte. Und so musste der Händler Chang Bishi 1892 nicht nur Trauben, sondern auch Know-how aus Europa importieren, als er die erste chinesische Weinkellerei gründete: Der österreichische Konsul Baron Max von Babo wurde als Kellermeister eingesetzt und brachte Fässer und Pressen aus Österreich mit. Die Weinkellerei brachte es zu internationalem Ansehen, zumindest wird das auf der Homepage der Firma behauptet. Früher war der Betrieb staatlich, mittlerweile ist er in französischen Händen: Castel Frère, Frankreichs führender Getränkekonzern, ist vor drei Jahren in das Unternehmen eingestiegen. Mit einem Chardonnay hecheln die Chinesen dem Trend ohnehin ein bisschen hinterher, denn schon lange gilt unter Weinkennern der Slogan: „ABC – Anything but Chardonnay“ – alles außer Chardonnay.

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