Eckart von Hirschhausens "Kleine Humorheilkunde" : Leicht ist schwer

Wie funktioniert Humor? Wie funktioniert er nicht? Dr. med. Eckart von Hirschhausen hat für den Tagesspiegel eine „Kleine Humorheilkunde“ geschrieben – hier ist sein Essay zum Start seiner Serie, die drei Wochen lang jeden Tag erscheinen wird.

Eckart von Hirschhausen
Wie machen Sie das, Herr von Hirschhausen? Der Kabarettist in der Show „Wunderheiler“ in der Waldbühne.
Wie machen Sie das, Herr von Hirschhausen? Der Kabarettist in der Show „Wunderheiler“ in der Waldbühne.Foto: Thilo Rückeis

Wir kommen aus Staub – wir werden zu Staub. Daher meinen die meisten Menschen, es muss im Leben darum gehen, möglichst viel Staub aufzuwirbeln.

Es ist doch paradox: Jeder Mensch meint von sich, er habe Humor. Gleichzeitig kennen wir viele, die keinen haben. Das geht nicht auf. Wollen Sie wissen, zu welcher Gruppe Sie gehören? Ein kleiner Test: „Statistisch ist jeder dritte Deutsche hässlich. Wenn Sie jetzt einmal unauffällig rechts und links schauen, und die beiden neben Ihnen sehen ganz o.k. aus – ja dann – haben Sie Humor!“

Wenn ich das auf der Bühne sage, kann ich ziemlich sicher sein, dass die Menschen lachen.

Aber was, wenn Sie diese Zeitung lesen, und gerade niemand rechts und links von Ihnen sitzt? Dann ist es der perfekte Einstieg, um über das Wichtigste bei Witzen zu sprechen: nicht die Pointe, sondern den Kontext. Was an „Witzeerzählern“ nervt, ist ihre völlige Ignoranz der Situation gegenüber. Was guten Erzählern gelingt: mit einer kleinen Geschichte, einem Zitat, einem Bild oder einer Metapher und vielleicht auch einem Witz beim Gegenüber ein ganzes Feuerwerk an gedanklicher Umstrukturierung zu erreichen. Denn darum geht es beim Humor: die größte Freiheit in unserem Denken besteht darin, freiwillig die Perspektive zu wechseln. Und deshalb ist es unfreiwillig komisch, wenn wir uns ertappen, in einer Denkfalle zu stecken. Wie der Betrunkene, der im Kreis sich um eine Litfaßsäule herumtastet und ruft: „Hilfe, ich bin eingemauert!“ Für jeden Außenstehenden ist es offensichtlich, dass er sich nur umzudrehen bräuchte, um frei zu sein. Nur er hält an der scheinbar endlosen Wand und seiner „Weltsicht“ fest.

Eckart von Hirschhausen in der Waldbühne
Doktor für die Massen. Eckart von Hirschhausen füllte am Samstagabend zur besten Sendezeit die Berliner Waldbühne.
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31.08.2014 15:26Doktor für die Massen. Eckart von Hirschhausen füllte am Samstagabend zur besten Sendezeit die Berliner Waldbühne.

Warum es Witze und Humor gibt, und warum wir Lachen so genießen, darüber haben sich schon viele große Geister den Kopf zerbrochen. Von Kant, Schopenhauer über Freud bis hin zu modernen Kognitionswissenschaftlern bleibt es eines der großen Rätsel des Menschen. Eine der für mich überzeugendsten Theorien lautet: Menschen lieben einfache Erklärungen für die Phänomene um sie herum, und erliegen dabei oft Irrtümern über Ursache-Wirkungs-Beziehungen. So wie der Mann, der durch die Straße läuft und gefragt wird, warum er dabei ständig in die Hände klatscht. „Ich vertreibe die Elefanten.“ „Aber hier gibt es doch gar keine Elefanten.“ „Sehen Sie!“ Offenbar liefert der Humor die Möglichkeit, über seine eigenen falschen Annahmen über die Welt zu lachen und sie zu korrigieren. Deshalb ist es auch eines der sichersten Anzeichen für jede Form von Ideologie, dass sie stets komplett humorbefreit daherkommt. Wer sich im Besitz der einzigen Wahrheit wähnt, der hält eine andere Perspektive gar nicht aus.

Ein Mann hat sich beim Wandern verlaufen. Endlich kommt er an einen Fluss, in der Hoffnung irgendwann eine Brücke und die Zivilisation wiederzufinden. Es kommt aber kein Pfad, keine Brücke, nichts. Da sieht er auf dem Acker auf der anderen Seite des Flusses einen Bauern, der sein Feld bestellt. Frohen Mutes ruft er hinüber: „Landmann, wie komme ich auf die andere Seite?“ Der Bauer überlegt eine Weile und ruft zurück: „Du bist schon auf der anderen Seite!“

Im Lachen können Widersprüche bestehen bleiben, ohne dass sie aufgelöst zu werden brauchen. Unser Verstand will die Welt sortieren, die ist aber viel zu komplex, um sich in gut/böse, rechts/links, richtig/falsch einteilen zu lassen. Es gibt drei Zustände der Seele, wo Widersprüche existieren dürfen, ohne aufgelöst werden zu müssen: der Traum, die Psychose und der Humor. An der Nicht-Begreifbarkeit des Lebens kann man verrückt werden, man kann daran verzweifeln oder man kann darüber lachen. Lachen ist die gesündeste Art und überhaupt nicht oberflächlich. Ein großes deutsches Missverständnis. Im Lachen akzeptiert man die Doppelbödigkeit des Seins. Schopenhauer meinte schon, jedes Lachen ist eine kleine Erleuchtung.

Lachen hilft nachweislich gegen Schmerzen

In allen Religionen der Welt kommen humorvolle Geschichten als Transportmittel für Paradoxien, Optimismus, Verständnis und Heilung vor. Lachen hilft nachweislich gegen Schmerzen, senkt den Blutdruck und baut Stress ab. Lachen ist die beste Medizin – das weiß der Volksmund schon lange. Seit 20 Jahren wächst das Interesse, Humor auch gezielt therapeutisch einzusetzen, zum Beispiel in der provokativen Therapie, in der Hypnotherapie mit heilsamen Geschichten und Metaphern oder auch mit Clowns in Krankenhäusern, die große und kleine Patienten aufmuntern, Hoffnung wecken und Lebensmut stärken. Ich unterstütze diese Bewegung von Anfang an und seit 2008 konkret mit meiner Stiftung „Humor hilft heilen“. Das Ziel: Spender und Akteure vernetzen, Ärzte, Pflegekräfte und Clowns weiterbilden und therapeutisches Lachen in Medizin, Arbeitswelt und Öffentlichkeit fördern. Aktuell laufen Workshops für Pflegekräfte und größere Forschungsprojekte zur Wirkung von Humorinterventionen bei stationären Patienten nach einem Schlaganfall und ein ambulantes Training bei Herzpatienten. Und deshalb finde ich es auch gar nicht so abwegig, Ihnen als Arzt prophylaktisch ein bisschen Humor zu verschreiben, und zwar ab heute jeden Tag für drei Wochen. Was Sie davon einnehmen, bleibt natürlich Ihnen überlassen. Humor kann man ja nicht als Tablette einnehmen, nur als Haltung. Und wenn Sie durch diese kleine Humorheilkunde am Ende vielleicht einmal geschmunzelt haben, einen Gedanken aus der Forschung mitgenommen und womöglich einmal jemand anderen mit einem neuen Witz in ihrem Repertoire überrascht haben, ist das doch schon viel.

Dr. med. Eckart von Hirschhausen, Arzt und Kabarettist,
Dr. med. Eckart von Hirschhausen, Arzt und Kabarettist,Foto: Frank Eidel

Gute Komiker sind wie guter Wein

Erwarten Sie bitte nicht, dass Sie laut lachen beim Lesen. Lachen ist ein soziales Phänomen. Wir können uns ja auch nicht selber kitzeln, wir brauchen andere um uns „anstecken“ zu lassen. Dass einige dieser Witze „funktionieren“, können die Leser bezeugen, die in meiner Show „Wunderheiler“ in der Waldbühne waren.

Wer nur einen Hammer als Werkzeug kennt, für den sieht jedes Problem wie ein Nagel aus. Was aber nicht heißt, dass eine Geschichte nicht auch „passend gemacht“ werden kann. Das genau ist die Kunst. Und jede Kunst erlernen wir weniger durch ein Handbuch oder Regelwerk, sondern durch Imitation und Ausprobieren. Daher ist der wichtigste Schritt, wenn Sie Humor in Ihren Alltag einbauen möchten, Dinge genau beobachten zu lernen. Und sie dann zu adaptieren und ein Leben lang in der Kunst besser zu werden und zu reifen. Dass viele TV-Comedians zwischen 20 und 40 Jahre alt sind, liegt eher an den Flachbildschirmen und dem Wahn der „werberelevanten Zielgruppe“ als an der Tiefe ihres Humors. Gute Komiker sind wie guter Wein und lassen sich lagern. Einige Loriot-Sketche sind solche Meisterwerke, dass sie sich durch die Wiederholung nicht abnutzen, sondern immer wieder neue Ebenen und Details offenbaren.

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