Ehe auf Zeit : Schlag nach bei Goethe

Prominente Rückendeckung für Gabriele Pauli: Ihr Vorschlag, Ehen zeitlich zu begrenzen, findet sich schon in Goethes "Wahlverwandtschaften".

Michael Schilar
Goethe Pauli
Fünf Jahre Ehe sind genug, fand Goethe. Gabriele Pauli dagegen will sieben Jahre. Sie habe die Idee von dem fränkischen...Foto: dpa

Nein, bei den Oberen ihrer bayrischen Staatspartei kann Gabriele Pauli mit ihrem Vorschlag, Ehen künftig auf sieben Jahre zu befristen, um sich dann „aktiv“ nochmals hierfür zu entscheiden (oder auch nicht), wohl mit keinerlei Unterstützung rechnen. Im Gegenteil. Minister Beckstein sieht hierin nur „wirre Thesen“, ja eine „Frage für den Psychiater“. Und der scheidende Ministerpräsident hält den Moment nun für gekommen, seiner früheren – erfolgreichen – Gegenspielerin jetzt den Austritt aus der CSU anzuraten. Auch Ramsauer wehrt charmant ab: Das Thema Pauli spiele eine ganz geringe Rolle in der CSU, weniger als „der Dreck unter den Fingernägeln“.

Angesichts so vitaler und einmütiger (maskuliner) Abwehr mag es verwundern, wenn der Fürther Landrätin nun ein prominenter Toter zu Hilfe kommt. Der hatte mit der CSU allerdings weniger zu tun und heißt Johann Wolfgang von Goethe. In einem seiner späteren großen Werke, den „Wahlverwandtschaften“ (erschienen 1809), findet sich der nämliche Gedanke, nur, dass Ehen hier auf fünf Jahre beschränkt werden sollten. Im 10. Kapitel des 1. Teils heißt es dort, dass es gerade die „ewige Dauer“ des „Ehestands“ sei, die „zwischen so viel Beweglichem in der Welt ... etwas Ungeschicktes an sich trägt“. Und dann wird ein Vorschlag zu einem „neuen Gesetz“ unterbreitet: „Eine jede Ehe solle nur auf fünf Jahre geschlossen werden. Es sei ... dieß eine schöne, ung’rade heilige Zahl und ein solcher Zeitraum eben hinreichend, um sich kennen zu lernen, einige Kinder heranzubringen, sich zu entzweien und, was das Schönste sei, sich wieder zu versöhnen ... Zwei, drei Jahre wenigstens gingen vergnüglich hin. Dann würde doch wohl dem einen Theil daran gelegen sein, das Verhältniß länger dauern zu sehen, die Gefälligkeit würde wachsen, je mehr man sich dem Termin der Aufkündigung näherte. Der gleichgültige, ja selbst der unzufriedene Theil würde durch ein solches Betragen begütigt und eingenommen. Man vergäße …, daß die Zeit verfließe, und fände sich auf’s angenehmste überrascht, wenn man nach verlaufenem Termin erst bemerkte, daß er schon stillschweigend verlängert sei.“

Freilich, in dem Roman sind es bestimmte Spielfiguren – ein Graf und dessen Freund –, durch die dieser Vorschlag zur Sprache kommt. Es ist jedoch eine spezielle literarische Technik des späten Goethe (und findet sich in der Dichtung allgemein immer wieder), über die Figuren eigene Ideen und Reflexionen zu transportieren. Zumindest wird hier, schon damals in einer Zeit vielfacher Ehescheidungen, ein unkonventioneller Gedanke zur Diskussion gestellt.

Und er findet sich nicht allein bei Goethe. Was müssten die CSU-Vorderen erst sagen, nähmen sie zur Kenntnis, dass gar ein aus Oberfranken stammender Großer der Zeit, Jean Paul, in dieselbe Kerbe schlug (in „Die unsichtbare Loge“) und dabei den für die Ehe vorgesehenen Zeitraum auf drei Jahre limitiert wissen wollte? Sein Hauptargument entnahm er der Naturwissenschaft und erklärte es anhand biologischer Umbildungsprozesse allgemein von Organismen.

Der gut aufklärerische Gedanke, dass man bei freieren rechtlichen Bindungen im Grunde etwas für die Ehe tut, liegt freilich der CSU-Prominenz gänzlich fern. Im Falle der Landrätin Pauli war sogar ein Parteiausschluss im Gespräch, eine Forderung, die selbst von der Kanzel – durch den Fuldaer Bischof Algermissen – erhoben wurde.

Bei so viel Ab- und Ausgrenzung mag man doch überlegen, ob man nicht auch dem Autor der „Wahlverwandtschaften” den Zivilverdienstorden, den ihm der eigens nach Weimar gekommene bayrische König bei dessen 78. Geburtstag verliehen hatte, postum wieder aberkennen sollte.

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