Welt : Ehe man alleine lebt

Sie heiraten spät, lassen sich schnell scheiden, wollen aber alle eine Ehe: die Amerikaner von heute

Christoph von Marschall[Washington]

Der Anteil der von Ehepaaren gebildeten Haushalte in den USA ist erstmals unter 50 Prozent gesunken. 2005 lebten in 55,2 der insgesamt 111,1 Millionen Haushalte verheiratete Paare. 1930 hatte ihr Anteil noch bei 84 Prozent gelegen, 1990 bei 56 und 2000 bei 52 Prozent. Dies heiße aber keinesfalls, dass die Ehe als Lebensform an Attraktivität verliere, zitiert die „New York Times“ Bevölkerungswissenschaftler. Zu heiraten und Kinder zu bekommen sei nach wie vor das Ziel der überwältigenden Mehrheit der Amerikaner. Die absolute Zahl von Ehen steige weiter, nur ihr relativer Anteil sinke. Man heirate später, einerseits weil mehr junge Frauen als früher eigene Berufspläne haben und nicht mehr auf die Ehe als übliche Basis ihrer ökonomischen Sicherheit angewiesen sind. Andererseits, weil mehr Ehen geschieden werden.

„Früher heiratete man, um Sex zu haben. Heute heiratet man, um Kinder zu bekommen“, erklärt Andrew Beveridge vom Queens College New York der „New York Times“, warum die Menschen sich heute später zur Ehe entschließen. Im Gegensatz zu Deutschland wächst die Bevölkerung in den USA. Heute um 7 Uhr 46 Ostküstenzeit soll die Zahl der US-Bürger die Dreihundert-Millionen-Grenze erreichen, haben die Statistiker verkündet. Die Bedeutung der Ehe ist in beiden Ländern ähnlich. In Deutschland gibt es 18,9 Millionen Ehen und 39,2 Millionen Haushalte. Die Quote von 48 Prozent ist fast so hoch wie in den USA (49,7 Prozent). Auch in Deutschland ist die Ehe mit über 80 Prozent die mit Abstand beliebteste Lebensform für Menschen, die Kinder aufziehen wollen. Der Anteil der Single-Haushalte liegt in Deutschland mit 38 Prozent dagegen viel höher als in den USA. Amerikanische Jugendliche wohnen teils länger bei ihren Eltern, teils ziehen sie aus finanziellen Gründen eher mit anderen Alleinstehenden zusammen.

Wenn sie einen festen Partner finden, leben sie oft mehrere Jahre in einer „Ehe auf Probe“, beobachten die Demografen. „Die Zahlen bedeuten, dass man die Heirat hinauszögert und nicht, dass man sie ablehnt“, sagt Steve Watters von „Focus on the family“, einem christlich-konservativen Institut. Pamela Smock von der Universität von Michigan ergänzt, die jungen Paare „erproben das Zusammenleben angesichts der hohen Scheidungsrate“. Doch selbst nach einer Scheidung leben die Ex-Partner of weiter im gleichen Haushalt, weil die Einkommensverhältnisse das erzwingen. Die große Mehrheit der Amerikaner lebt in Wohneigentum, auf dem hohe Kredite liegen.

Der Anteil der Ehe an den Haushalten ist regional und generationsmäßig verschieden. Utah, ein christlich-konservativer Staat, hält mit 70 Prozent den Rekord. In Manhattan sind es nur 26 Prozent, dort gibt es viele Singlehaushalte. Kalifornien hat die höchste Quote unverheirateter heterosexueller Paare (11 Prozent). In der Altersgruppe über 35 bilden Ehen weiter die klare Mehrheit der Haushalte. In der Gruppe der Erwachsenen unter 25 waren die Haushalte Verheirateter seit den 70er Jahren in der Minderheit. In der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen ist die Quote jetzt erstmals unter 50 Prozent gesunken.

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