Ehemalige Miss Sachsen gestorben : Magersucht - der gefährliche Wahn

Immer wieder endet Magersucht tödlich. Nun ist die ehemalige Miss Sachsen Henriette Hömke daran gestorben. Die psychische Erkrankung hat auch genetische Ursachen.

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Betroffene fühlen sich trotz Untergewichts noch zu dick.
Betroffene fühlen sich trotz Untergewichts noch zu dick.Foto: picture alliance / dpa

Wenn eine junge schöne Frau stirbt, eine erfolgreiche Frau, die noch dazu auch Glück in der Liebe zu haben schien, jedenfalls mehrere Jahre lang einen prominenten Lebensgefährten hatte, ist die Öffentlichkeit besonders schockiert. Henriette Hömke, 2006 mit 18 Jahren zur Miss Sachsen gekürt und kurz danach mit Schalke-Torwart Ralf Fährmann zusammengekommen, war eine solche Frau. Blond, groß, schlank. Wie erst am Mittwoch bekannt wurde, ist sie im April während eines Urlaubs in Ägypten mit nur 29 Jahren gestorben – an den Folgen ihrer Magersucht.

Einige Charakteristika dieser gefährlichen psychischen Krankheit, die Mediziner etwas missverständlich als Anorexia Nervosa ("nervlich bedingte Appetitlosigkeit") bezeichnen, springen sofort ins Auge: Typisch ist, dass die Betroffenen immer dünner werden und es dann auch bleiben. Ein Kriterium der Diagnose ist ein Body Mass Index (BMI – Kilogramm Körpergewicht geteilt durch Größe in Metern im Quadrat) von unter 17,5 – also deutliches Untergewicht. Beginnt dies schon während der Wachstumsphase, wiegen die Jugendlichen für ihr Alter zu wenig oder nehmen – obwohl sie älter und größer werden – nicht ausreichend zu.

Betroffen sind deutlich mehr Frauen als Männer

Was man nicht so leicht erkennt und was die Betroffenen gegenüber ihrer Umgebung oft auch verleugnen: Sie wollen abnehmen, es ist ihr Ehrgeiz, das bewusst herbeizuführen, und sie fühlen sich trotz starken Untergewichts noch zu dick. Wenn sich dieser Prozess verselbstständigt, kann aus einer Diät, die befristet geplant war, ein Dauerzustand des Hungerns werden. Oft "unterstützt" durch Abführmittel, entwässernde Medikamente oder gezieltes Erbrechen. Einer repräsentativen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland aus dem Jahr 2013 zufolge leiden 1,1 Prozent der Frauen und 0,3 Prozent der Männer im Alter von 18 bis 79 Jahren unter Magersucht.

Henriette Hömke und ihr damaliger Freund, Fußballprofi Ralf Fährmann, im September 2015.
Henriette Hömke und ihr damaliger Freund, Fußballprofi Ralf Fährmann, im September 2015.Foto: imago/Revierfoto

Die Gefahr, dass das Geschehen sich verselbstständigt, ist auch deshalb groß, weil die Magersucht eine Krankheit ist, die früh beginnt: In der Altersgruppe von 14 bis 18 Jahren kommt sie am häufigsten vor. Es sind wesentlich mehr Mädchen als Jungen davon betroffen. In einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 2012 wurde eine Krankheitshäufigkeit von 0,3 Prozent für Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren ermittelt.

Das klingt zunächst nach einem zumindest zahlenmäßig überschaubaren Problem. In den vergangenen Jahren kam jedoch die Besorgnis hinzu, dass TV-Shows und die Thematisierung attraktiver Aspekte des "Dünnseins" in den sozialen Netzwerken das Problem verstärken könnten. Gefährdete und betroffene Mädchen bestätigen sich dort oft gegenseitig in Wort und Bild, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Wer dann wirklich krankhaft magersüchtig wird, hat die psychische Erkrankung mit dem höchsten Sterberisiko.

Schon länger beschäftigen sich Kinder- und Jugendpsychiater mit Persönlichkeitsmerkmalen, die Heranwachsende und junge Erwachsene für die Anorexia Nervosa anfällig machen. Oft wird den Betroffenen ihr Ehrgeiz zum Verhängnis, der bis zum Perfektionismus führen kann.

Ärzte hoffen auf neue Therapieansätze

Sicher ist aber, dass auch die biologische Veranlagung eine Rolle spielt. Ein internationales Team um Laramie Duncan von der kalifornischen Stanford University hat zusammen mit Forschern von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen dazu gerade etwas entdeckt: Bei der Analyse der Daten von mehr als 3000 Patientinnen stießen die Forscher auf Auffälligkeiten in einem Gen auf dem Chromosom 12, wie sie Ende Mai in der Fachzeitschrift "American Journal of Psychiatry" mitteilten. Diese Region wurde bereits mit verschiedenen Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht, zudem gibt es Hinweise darauf, dass sie auch mit dem Zuckerstoffwechsel in Verbindung steht.

"Diese Entdeckungen können das bisherige Verständnis der Anorexia Nervosa nachhaltig verändern: Eine psychiatrische Störung mit einem physiologischen Hintergrund eröffnet völlig neue und bislang unerwartete Therapieoptionen", schrieb die an der Studie beteiligte Kinder- und Jugendpsychiaterin Anke Hinney von der Uniklinik Duisburg-Essen im "Deutschen Ärzteblatt". Grundsätzlich könne es die Betroffenen zudem entlasten, dass Magersucht auch genetische Ursachen habe.

Sich beim Essen extrem zu beschränken, ist das eine. Doch bei der Magersucht versucht der Kopf oft auch in anderer Hinsicht über den Körper zu herrschen: Etwa 40 Prozent der Menschen mit einer Essstörung – dazu gehört unter anderem auch die Ess-Brechsucht (Bulimia nervosa) – zeigen auch beim Sport ein ungesundes Verhalten, bis hin zur "Sportsucht". Aus Spaß am Laufen, Radfahren oder Schwimmen ist dann der Zwang geworden, möglichst viel Fett zu verbrennen.

Viele Patienten mit Essstörungen leiden auch unter "Sportsucht"

"Patienten mit Magersucht oder Bulimie bewegen sich oft in einer Art und Weise, mit der sie sich selbst schaden und bei der der sonst positive Einfluss von Sport völlig verloren geht", sagt die Psychosomatik-Professorin Almut Zeek vom Universitätsklinikum in Freiburg. In der Therapie wird diesen Menschen dann meist geraten, zunächst völlig auf ihr gewohntes Bewegungsprogramm zu verzichten. Im Rahmen einer Studie versuchen es die Freiburger jetzt mit einem anderen, für die Betroffenen gangbareren Weg: Ergänzend zur Psychotherapie machen die Teilnehmer bei einem speziellen Sportprogramm mit, in dessen Rahmen auch über Belastungsgrenzen und Motive zum Sporttreiben reflektiert wird. Bewegung soll wieder Teil ihrer unbeschwerten Lebensfreude werden.

Henriette Hömke, sportliche Ex-Freundin eines Leistungssportlers, die sich zuletzt als Fitnesstrainerin für Menschen mit Hund selbstständig gemacht hatte, soll in Ägypten beim Sport zusammengebrochen sein.

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