Ehrenmord : Chronik eines angekündigten Todes

Auch in Hamburg ist eine junge Muslimin von ihrem Bruder ermordet worden - die Behörden kannten ihren Leidensweg.

Dieter Hanisch

HamburgWenn ein Teenager unter den Augen mehrerer Behörden ein körperliches Martyrium durchmacht, das schließlich mit dem Tod endet, dann dürfen sich offizielle Stellen und die dort Tätigen nicht wundern, wenn ihnen Fragen gestellt werden. Die zentrale Frage, die jetzt in Hamburg diskutiert wird, lautet: Hätte das Leben der 16-jährigen Morsal Ofeidi gerettet werden können, die am 15. Mai von ihrem 23-jährigen Bruder Ahmad auf offener Straße mit 20 Messerstichen getötet worden ist?

Nach der Tat fiel der Begriff „Ehrenmord“, weil die junge deutsch-afghanische Muslimin ein freies Leben führen wollte und sich den kulturell geprägten Vorschriften ihrer Familie widersetzt hatte. Die tödliche Attacke ist am Mittwoch auch Thema im Stadtparlament. Carola Veit (SPD), Vorsitzende des Kinder-, Jugend- und Familienausschusses, lässt nicht locker. „Es gilt zu klären, weshalb das Hilfssystem versagt hat. “ Kersten Artus (Linke) ist sich sicher, Morsal Ofeidi könnte noch leben, hätte nicht eine fehlende Vernetzung verschiedener Institutionen dafür gesorgt, dass eine drohende Gefahr nicht erkannt wurde.

Die Kette der Drangsalierungen des Mädchens reicht zurück ins Jahr 2006, alle Vorgänge waren aktenkundig. Morsal Ofeidi hatte ihre Peiniger mehrmals angezeigt, doch dann wieder die Anschuldigungen gegen die Familienmitglieder zurückgezogen. Bereits am 1. November 2006 hatte Ahmad die Drohung ausgesprochen, seine Schwester zu töten. Sieben Tage später richtete er tatsächlich das Messer gegen Morsal Ofeidi. Diese wehrte sich, und es passierte nichts.

Ahmad Ofeidi war bei der Polizei als „Intensivtäter“ bekannt. Am 6. März 2008 wurde eine Verurteilung des Mannes wegen verschiedener Gewalttaten zu einem Jahr und fünf Monaten Freiheitsstrafe ohne Bewährung rechtskräftig. Anfang Mai sollte er die Strafe antreten, doch sein Anwalt beantragte einen Vollstreckungsaufschub. Dieser wurde am 15. Mai von der Staatsanwaltschaft abgelehnt. Am gleichen Tag erstach er seine Schwester.

Ständig Schläge, kurzzeitiger Schutz in Jugendeinrichtungen – im Jugendamt und beim Kinder- und Jugendnotdienst stapelten sich die Berichte und Vermerke. Immer wieder betonte die Gepeinigte, sie wolle nicht, dass Familienangehörige bestraft werden. Justizsenator Till Steffen (GAL) betont wie CDU-Sozialsenator Dietrich Wersich, man hätte nie eine behördliche Entscheidung gegen den Willen des Mädchens treffen können. Die SPD meint, dass genau dies hätte passieren müssen. „Zur Kultur des Hinsehens gehört auch, im Zweifel einmal mehr in die Familiensouveränität einzugreifen“, sagt SPD-Sprecher Bülent Ciftlik. Dafür müsse Behördenmitarbeitern allerdings der Rücken gestärkt werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben