Welt : Ein anderes Bild von Google

Jeder kann bei Street View ganz einfach die verdeckten Häuser wieder sichtbar machen. Er muss nur ein Foto reinstellen

Janina Guthke,Christian Helten

Sichtbar oder unsichtbar – das ist die Frage, die derzeit viele Hauseigentümer und Mieter beschäftigt. Am Donnerstag startete in 20 deutschen Städten der Google-Dienst Street View, bei dem der Internetnutzer virtuell durch die Straßen flanieren und Hausfassaden und Vorgärten betrachten kann. Einige Gebäude musste Google allerdings verpixeln. 244 000 Haushalte haben von ihrem Einspruchsrecht Gebrauch gemacht und veranlasst, dass ihre Häuser hinter einem verschwommenen Schleier verschwinden. Damit sind etwa drei Prozent der von Google abfotografierten Häuser nicht erkennbar.

Viele dieser Gebäude werden aber mit wenigen Mausklicks trotzdem wieder sichtbar. So sind viele Häuser zwar verpixelt, wenn man virtuell direkt davorsteht. Bewegt man sich mit den Pfeiltasten aber ein wenig vom Haus weg, fallen die Schleier und die Häuser sind – wenn auch aus größerer Entfernung – vollkommen unverpixelt zu sehen.

Google erklärt das Problem mit dem komplexen Verfahren, mit dem die Gebäude unkenntlich gemacht werden. „Es genügt nicht, das betreffende Gebäude einmal zu bearbeiten“, sagte Google-Sprecherin Lena Wagner. „Bei jedem Gebäude sind diverse manuelle Arbeitsschritte in diversen Street-View-Ansichten erforderlich.“ Dabei würden alle Perspektiven berücksichtigt, die ein Besucher der betreffenden Straße normalerweise einnehmen könne. In Fällen, wo das nicht ausreichend geschehen ist, sollen die Eigentümer dies Google über die Funktion „Ein Problem melden“ in den betreffenden Ansichten mitteilen.

Noch besser lassen sich Verpixelungen mit dem Bilderdienst „Panoramio“ umgehen, der ebenfalls von Google angeboten wird. Internetnutzer können dort Fotos hochladen. Damit lassen sich die Tarnkappen von Street View lüften, weil auch die verpixelten Häuser in der Street-View-Ansicht mit Panoramio-Fotos verknüpft werden können. Über dem unkenntlich gemachten Haus erscheint dann ein kleines quadratisches Bild. Wer mit der Maus darüberfährt, sieht das Haus in aller Klarheit und voller Größe auf dem Bild.

Interessant ist diese List vor allem für Leute, deren Haus unkenntlich gemacht wurde, ohne dass sie es wollten. Das kam vor, weil Google auf Street View Gebäude schon dann verpixelt, wenn nur eine Partei Einspruch einlegte – ungeachtet der Tatsache, dass die anderen Mieter in einem Mehrparteienhaus ihre Balkone vielleicht gerne im Internet sehen würden. Der Dienst ist auch da nützlich, wo die Street View-Bilder schon wieder veraltet sind. Das schwarze Kamera-Auto fuhr zum Teil schon vor zwei Jahren durch die Städte, viele Straßen sehen längst anders aus. Ein Gastronom zum Beispiel, der sein Lokal erst kürzlich eröffnet hat, kann ein aktuelles Foto hochladen, damit alle seinen schönen Laden sehen können.

Google selbst will dagegen offenbar nichts unternehmen. „Die in Google Maps angezeigte Ebene für Nutzerfotos unterscheiden sich in keiner Weise von denen, die überall im Netz zu finden sind“, sagte Sprecherin Wagner. Personen, die eine Entfernung beantragen möchten, müssten die betreffende Webseite kontaktieren, auf der das Bildmaterial gehostet wird. Google fühlt sich also nicht zuständig dafür, dass die Verpixelung eine Farce ist.

Die Möglichkeit, die Unkenntlichmachung zu umgehen, sei zu beklagen, sagte der für Google zuständige Hamburgische Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar. Insbesondere wenn sich Fotografen zusammenschließen würden, um alle verpixelten Häuser als Fotos nachzutragen und damit die Entscheidung der Bewohner konterkarieren.

„In diesem Moment sind dem Datenschutz die Hände gebunden“, sagte Caspar. Man brauche gesetzliche Regulierungen, um künftig den informationellen Selbstbestimmungsrecht zur Durchsetzung zu verhelfen. „Ich habe nichts gegen Bilder auf Picasa oder Flickr, aber bei Google Street View sollten die Bilder nicht nachgeliefert werden dürfen“, sagte Caspar. „Bisher hat auf unsere Forderungen aber niemand reagiert.“

Auch Berlins Datenschutzbeauftragter Alexander Dix forderte, Google müsse sicherstellen, dass verpixelte Häuser nicht als Foto gezeigt werden können. „Wenn jemand diesen Willen äußert, dann muss das akzeptiert werden“, sagte Dix. Letztendlich könne man zwar zivilrechtlich gegen die Person vorgehen, die das Foto hochgestellt hat. Wie die Gerichte dann entscheiden würden, sei allerdings noch unklar. Insgesamt zeigt sich Dix jedoch mit Geodatendienst zufrieden: „Was ich bisher von Google Street View gesehen habe, finde ich positiv.“ Sein Verpixelungsantrag habe problemlos funktioniert. Noch habe auch niemand ein Foto seines Hauses bei Panoramio hochgeladen.

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