Welt : Ein Anflug von Panik

Experten beruhigen: Die Vogelgrippe ist kein Grund, Medikamente zu horten

Ingo Bach

VORRATSKAUF

Manche Menschen erwägen derzeit, sich auf Vorrat ein antivirales Grippemittel zu besorgen, damit sie es bei ersten Symptomen sofort parat haben. Sie fürchten, dass diese Arzneien ausverkauft sein könnten, wenn wegen der Vogelgrippe plötzlich Panik ausbricht und alle zur Apotheke hasten. Doch sowohl die Regierung als auch Experten sagen übereinstimmend, dass es derzeit keinen Grund zur Panik gebe. Fachleute halten einen vorsorglichen Kauf zudem für unnötig. Es gibt derzeit zwei antivirale Arzneien der neuesten Generation auf dem Markt: Das meistverkaufte – Tamiflu – des Herstellers Roche und Relenza von GlaxoSmithKline. Um wirken zu können, müssen die Präparate am besten binnen 24 Stunden nach Beginn der ersten Symptome eingenommen werden. Dann verkürzen sie die Krankheitsdauer um durchschnittlich anderthalb Tage und mildern die Symptome ab. Ob sie Todesfälle infolge der Infektion verhindern könnten, ist bislang nicht nachgewiesen.

Viele Menschen lassen sich trotzdem aus Angst jetzt von ihrem Arzt Tamiflu auf Privatrezept verschreiben. Doch wenn die Grippe ausbreche, sei trotz des Päckchens im Arzneischrank der Arztbesuch keineswegs überflüssig. „Bei Krankheitsbeginn sollte ein Mediziner die Grippe zunächst zweifelsfrei diagnostizieren“, sagt Norbert Suttorp, Infektologie-Chef an der Charité. Sonst schlucken die Leute wahllos beim ersten Niesen diese Kapseln. Auch Hersteller Roche sagt, Tamiflu sei keine Hustenpille, sondern aus gutem Grund ein verschreibungspflichtiges Medikament.

Die beiden Präparate gelten im Gegensatz zu älteren antiviralen Grippearzneien als besser verträglich. Nebenwirkungen sind vor allem Übelkeit und Erbrechen, die laut dem Pandemieplan der Bundesregierung in Studien bei bis zu 18 Prozent der Patienten beobachtet wurden.

PRODUKTION AUF VOLLEN TOUREN

Um die wegen der Angst vor der Vogelgrippe verstärkte Nachfrage zu befriedigen, produziert Roche Tamiflu an der Kapazitätsgrenze. Man habe früher als in anderen Jahren bereits seit August hunderttausende Packungen Tamiflu an den Großhandel ausgeliefert, sagt Hans-Ullrich Jelitto, Sprecher von Roche Deutschland. Diese Menge würde die Nachfrage während einer starken Influenzasaison – und diese beginnt üblicherweise erst im Februar – ohne Probleme decken können. Der Nachschub sei gesichert, zumal das Unternehmen seine Produktionskapazitäten ausbaue. Sollte in einer Apotheke das Medikament doch mal ausverkauft sein, so gebe es sicher andere in der Nachbarschaft, wo der Vorrat nicht aufgebraucht sei. Selbst wenn es zu einer weltweiten Epidemie durch einen mutierten, von Mensch zu Mensch übertragbaren Vogelgrippevirus kommen sollte, was noch nicht abzusehen ist, sollten die Vorräte reichen. „Aber es ist schwer, die Ausmaße von Panikkäufen in so einem Falle vorherzusagen“, sagt Jelitto.

Zur Vorbereitung darauf haben die Bundesländer einen Vorrat an antiviralen Medikamenten beschafft, der für rund zehn Prozent der Bevölkerung ausreicht und in den nächsten Monaten ausgeliefert wird. Dieser soll im Falle einer weltweiten Epidemie an besonders gefährdete Menschen – also sehr alte, sehr junge und immungeschwächte Personen – ausgegeben werden.

NORMALE GRIPPEIMPFUNG

Die Impfung gegen die jährlich wiederkehrende Influenza bietet gegen einen für Menschen gefährlichen VogelgrippeErreger keinen Schutz. „Eine Impfung sensibilisiert das Immunsystem nur für genau eine Erregerart“, sagt Charité-Infektologe Suttorp. „Die Immunabwehr erkennt die Keime an deren Eiweißstruktur.“ Diese unterscheide sich schon bei den Unterarten einer normalen Grippe so stark, dass die Experten in jedem Jahr bangen, ob ihre Vorhersage über den kommenden Subtyp richtig und damit der produzierte Impfstoff der passende ist. Und der Unterschied zwischen Human- und Vogelgrippe ist noch viel größer.

Trotzdem mache eine flächendeckende Grippeimpfung im Kampf gegen die Vogelgrippe Sinn. Denn so kann vermieden werden, dass man sich mit beiden Grippearten infiziert und dem Vogelgrippe-Erreger die Chance gibt, sein Erbgut mit dem der Humangrippe zu verschmelzen. Durch diese Mutation könnte das besonders aggressive Vogelvirus auch von Mensch zu Mensch übergehen.

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