Welt : Ein Blog für die Geschichte

Alltagshistorie im großen Stil: In einem Internettagebuch sollen Briten aufschreiben, was sie so erleben

Moritz Schuller

Das ist also, was der große Ranke meinte: „Heute bin ich an einem Geschäft vorbeigelaufen, das gesteppte Handtaschen verkauft. Werde mir die nach der Arbeit mal genauer anschauen“ (Catherine Dunphy aus East Sussex). „Ich hatte eine Banane und ein Joghurt zum Frühstück, weil ich auf meine Linie achte. Ich bin wieder zu meinen Eltern gezogen, als ich arbeitslos wurde. Meine Wohnung in Windsor habe ich untervermietet“ (Allan Park, Berkshire). „Ich habe ein großes Schlafzimmer“ (Katie Russel House, neun Jahre, aus Kent).

Für Leopold von Ranke soll der Historiker beschreiben, „wie es eigentlich gewesen“ ist – und in Großbritannien kann das nun jeder tun: Als Teil der Kampagne „History matters“ („Geschichte ist wichtig“) sind die Briten aufgerufen, im Internet ihren 17. Oktober zu schildern – einfach kurz aufzuschreiben, was sie am gestrigen Dienstag so erlebt haben. „Je profaner, desto besser“, sagt der Historiker Dan Snow. Herauskommen soll dabei ein kollektiver „Tag in der Geschichte“, der von der British Library für zukünftige Generationen dann archiviert wird. „Die Details darüber, was so viele Menschen wie möglich an einem ganz normalen, langweiligen Tage so getrieben haben, sind doch aufregend“, sagt Snow gegenüber der BBC. Das Ziel ist es, die Geschichte des Alltags zu erzählen und der 17. Oktober wurde ausgesucht, weil er ein ganz normaler Tag im Jahr ist.

Geschichtstheoretisch ist das nichts Neues: die Abwendung von der Ereignisgeschichte, die sich ausschließlich mit Politik beschäftigt, hat schon die französische Annales-Schule vollzogen und in Deutschland ist Walter Kempowski mit seinen monumentalen „Echolot“-Bänden berühmt geworden, die kollektives Tagebuch der Deutschen darstellen.

Der Reiz einer solchen Geschichtsschreibung ist natürlich die Vielstimmigkeit der Wahrnehmung, doch die ersten Einträge der Briten sind noch fast alle geprägt von dem traumatischen Erlebnis des Aufstehenmüssens. Der Tag in Großbritannien beginnt, das werden die Historiker in hundert Jahren feststellen, überall mit einem Wecker: Bei Angela Schooley aus London klingelte er um 6 Uhr 30, bei Marina Ede aus Monmouthshire um 8 Uhr 15 („Ich bin spät aufgestanden“), bei dem Busfahrer Norman Board um 6. Norman hat sich dann eine Tasse Tee gemacht, sich gewaschen, angezogen und dann, um 7 Uhr 30, ein American-Football-Spiel angeschaut. Nur Julie Barnes aus Nottinghamshire hat es ruhig angehen lassen und nach dem Aufstehen erst einmal Yoga gemacht.

Der „Tag in der Geschichte“ richtet sich vornehmlich an Briten (und Waliser, für die die Aktion den Namen „Un diwrnod mewn Hanes“ trägt), auch wenn jeder beim größten Blog der Geschichte mitmachen kann. Und wer lange überlegen muss, wie es an diesem 17. Oktober wirklich gewesen ist, hat Zeit: noch bis zum 1. November ist die Seite offen.

www.historymatters.org.uk

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