Welt : Ein Ei für zwei

Die Isetta, das legendäre Gefährt des frühen deutschen Wirtschaftswunders, wird 50 Jahre alt

Dana Nowak

Das erste Mal ins sonnige Italien fahren, einmal unbemerkt kuscheln – in der kargen Nachkriegszeit mit ihren Entbehrungen und ihrer beengenden Atmosphäre sehnten sich die Menschen nach einem Gefühl von Freiheit. Ein kugelförmiges Wägelchen mit Blech drumrum, die Schaltung auf der linken Seite und den Einstieg vorne – so rollte plötzlich ein kleines Fahrzeug, so eine Art Auto, über Deutschlands Straßen. Die Isetta sah aus wie ein Ei auf Rädern, wie ein verkleidetes Moped. Doch für die Menschen war sie mehr, viel mehr. Die Knutschkugel, wie sie genannt wurde, bedeutete eine neue Freiheit – und einen trockenen Kopf. Unbemerkt vom strengen Blick der Eltern konnte man sich mit dem Mann oder der Frau seines Herzens näher kommen und vielleicht sogar einen Zungenkuss riskieren. Doch nicht nur für private Stunden zu zweit war die Isetta damals praktisch. Das Blechei bot Platz für zwei – schlanke – Erwachsene, ein kleines Kind und ein bisschen Gepäck. Das reichte für den ersten Familienurlaub.

Ein richtiges Auto war für die meisten Menschen zu dieser Zeit unerschwinglich, sie waren froh, sich ein Moped oder Motorrad leisten zu können. BMW erkannte den Trend und erwarb die Lizenz des italienischen ISO-Konzerns für den Bau der Isetta in Deutschland. Am 5. März vor 50 Jahren präsentierte der Autohersteller sein neuestes Modell, das sich im Vergleich zu seiner italienischen Mama nur wenig verändert hatte. So eigentümlich die Isetta auch aussah, mit ihren 12 PS unter der Heckhaube wurde sie ein Erfolg. „Die Isetta war das erste Auto, das man sich leisten konnte. Endlich hatten wir ein Dach über dem Kopf und wurden nicht mehr nass“, sagt Brunhilde Reimann vom Isetta-Club e.V. in Braunschweig, der mit 1400 Mitgliedern der Größte in Deutschland ist. Mit Kind und Kegel kurvten die Menschen mit ihrer Isetta durch ganz Europa. „Ich weiß noch, wie wir immer zum Camping gefahren sind. Das Zelt auf dem Gepäckträger am Heck der Isetta und die Tasche auf der Ablage. Das war eine schöne Zeit. Manche haben sogar ihre Kinder auf die Ablage gesetzt. Bequemes Sitzen gab es nicht“, erzählt Reimann lachend.

Im Archiv von BMW findet sich sogar die Geschichte eines Ehepaares, das mit seiner „Asphaltblase“ in 62 Stunden von Sizilien nach Schweden gefahren sein soll, das gemütliche Summen des Motors immer im Ohr. „Sie klang wie eine Nähmaschine", erinnert sich Reimann. Für 2550 DM war das 2,28 Meter lange Bubble Car damals erschwinglich, ein deutscher Arbeitnehmer verdiente im Durchschnitt knapp 400 DM im Monat.

Doch nicht nur für die Menschen war die Isetta ein Segen, auch für BMW war sie die Rettung. Der Konzern litt Anfang der 50er Jahre noch immer unter den Folgen des Zweiten Weltkrieges. „Die großen Automobile brachten zwar ein gutes Image aber sie haben sich schwer verkauft. Die konnten sich nur wenige leisten“, beschreibt Andreas Harz aus der BMW-Abteilung „Mobile Tradition“ die damalige Lage. Eine Knutschkugel rettete die Motorenwerke, denn „erst die Isetta hat wirklich Geld gebracht“, meint Harz. So viel Geld, dass BMW 1956 ein weiteres Modell auf den Markt brachte: mit einem 300-Kubikzentimeter-Motor und ganzen 13 PS gab es noch mehr Fahrspaß. 1962 kam trotzdem das jähe Ende. Die Menschen wollten mehr Komfort, kein „Schlaglochsuchgerät“ mehr, wie die Isetta auch genannt wurde. 161728 Exemplare sind gebaut worden, von denen heute noch 1000 in Deutschland unterwegs sein sollen, 6000 weltweit. Der Kult lebt weiter, wie Brunhilde Reimann weiß: „Früher war sie praktisch, heute ist sie ein Lebensgefühl.“

Wer dieses Lebengefühl haben will, muss bei Ebay 12000 Euro bieten.

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