Welt : "Ein Etappensieg, aber kein Durchbruch"

HARTMUT WEWETZER

Die Gentherapie gegen Krebs hat noch einen langen Weg vor sichVON HARTMUT WEWETZERGut drei Jahre nach ihrer Deutschland-Premiere im Mai 1994 erregt die Gentherapie wieder Aufsehen.Von einem "Durchbruch" in der Krebs-Behandlung ist die vorschnelle Rede.Die "Bild"-Zeitung zitierte Charité-Wissenschaftler, darunter einen Hautarzt, der angeblich behauptet hatte, "schon in zwei bis drei Jahren können mehrere Krebsarten flächendeckend mit Gentherapie behandelt werden".Ein anderer Charité-Forscher soll gesagt haben, daß "in fünf bis zehn Jahren" die Gentherapie "überall zum Einsatz" komme. Gestern dementierte Peter Walden, Immunforscher an der Charité-Hautklinik, diese Zitate gegenüber dem Tagesspiegel."Die Gentherapie hat ihre Kinderkrankheiten überwunden.Erste Erfolge sind beobachtet worden, die es rechtfertigen, größere Studien mit mehr Patienten zu beginnen.Aber auch wenn die Tendenz sehr ermutigend ist, wird es noch viele Jahre dauern, bis die Gentherapie mit herkömmlichen Therapien konkurrieren kann." Man habe einen "Etappensieg, aber keinen Durchbruch" erzielt. Die fraglichen Äußerungen standen im Zusammenhang mit einer Pressekonferenz, die nach einem internationalen Gentherapeuten-Treffen an der Charité von Mitarbeitern der Universitätsklinik veranstaltet wurde.Ein ungenannt bleiben wollender Kongreß-Teilnehmer spricht davon, daß auf dem Treffen nur gesagt wurde, was ohnehin schon bekannt war: "Das Ganze ist eine Riesenblase." Verärgert reagierte Christian Herfarth, Nestor der deutschen Chirurgie und Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, im Interview mit "Inforadio": Es sei "absolut übertrieben" zu sagen, daß die Gentherapie das Krebsproblem jetzt lösen werde."Das sind Einzelnachrichten, die hochgespielt werden." Zu einem ernüchternden Fazit der bisherigen Gentherapie-Versuche kommt Bernd Gänsbacher von der Technischen Universität München in der Fachzeitschrift "Der Chirurg": "Keine der heutigen Gentransfer-Studien hat bisher den endgültigen Beweis ihrer klinischen Wirksamkeit erbracht." Und: "Trotz des Fehlens positiver Ergebnisse werden die Entwicklungen auf diesem Gebiet von sehr großen Erwartungen begleitet." Die Hoffnung der Gentherapeuten gründet auf dem mittlerweile umfangreichen Wissen über die Vorgänge in gesunden und kranken menschlichen Zellen.Molekularbiologen haben viele elementare Krankheitsvorgänge enträtselt.Mit der Gentherapie soll in mehr oder minder ferner Zukunft so ziemlich jede schwere chronische Krankheit behandelbar sein, von Alzheimer und Krebs bis hin zu Rheuma, Aids und Herz-Kreislauf-Leiden.Krebs ist ein Hauptziel der Gentherapie, weil seine Ursache, das ungeregelte Wachstum von Körperzellen, auf einer genetischen Fehlsteuerung beruht. Die Therapie Krebskranker könnte der Modellfall der Gentherapie werden.Der therapeutischen Phantasie sind dabei zumindest in der Theorie kaum Grenzen gesetzt: Gene können in Tumoren eingeschleust werden, um eine Korrektur des Zellwachstums zu erzwingen; Krebsgene können blockiert werden; Selbstmordgene können in Krebszellen eingebracht werden; empfindliche Knochenmarkzellen können gegen Chemotherapie "abgehärtet werden; die Produktion bestimmter Eiweißstoffe könnte die "Kettenhunde" der Körperabwehr auf die Krebs-Spur locken. In der Praxis stößt die Gentherapie auf mannigfaltige Probleme.Das beginnt mit der Konstruktion der richtigen "Gen-Taxis" - also jener Gefährte, die die "heilende" Erbinformation in die Zellen transportieren sollen.Als Gen-Taxis sind vor allem Viren im Gespräch.Ein Problem sind dabei Sicherheitsfragen - kann das Virus nicht gefährlich werden? -, ein anderes die mangelnde "Zielgenauigkeit" der Virus-Spritze - nicht nur kranke, sondern auch gesunde Zellen werden befallen.Ist die genetische Information einmal in der Zelle, ist die große Frage, ob sie auch wirksam wird.Und ist sie wirksam, stellen sich neue Probleme: Wie lange wird das Gen aktiv sein, wie lange wird die Zelle leben, wird das neue Gen auf die Tochterzellen vererbt? Auch kann es sein, daß das Immunsystem durch die Genspritze aktiviert wird und sich auf die Gen-Taxis oder die infizierten Zellen stürzt.Knifflige und bislang ungelöste Fragen. Noch viel schwieriger wird das molekulare Glasperlenspiel im Gen-Labor, wenn es um Krankheit in der Realität geht.An der Charité erforscht eine klinische Forschergruppe Tumoren der Haut.Ihr Gentherapie-Spezialist ist der Immunforscher Walden.Auf dem Gentherapie-Kongreß präsentierten Mitarbeiter der Forschergruppe eine erste Studie an 15 Patienten mit fortgeschrittenem schwarzen Hautkrebs.Den Patienten wurden Krebszellen entnommen, die im Labor mit Abwehrzellen (B-Zellen) eines Spenders verschmolzen wurden. Diese Mischzellen wurden den Kranken dann unter die Haut gespritzt - eine Art "Impfung" gegen den Krebs, denn die fremden Immunzellen präsentieren Teile der Krebszellen auf ihrer Oberfläche und sollen auf diese Weise die Körperabwehr aufwecken und anstacheln.Bei fünf der 15 Patienten wurde das Wachstum der Krebsgeschwulste verlangsamt, bei einem Kranken wurde eine völlige Rückbildung beobachtet. Zu einer vorsichtigen Bewertung solcher Studienergebnisse rät Burghardt Wittig, Mediziner an der Freien Universität und einer der erfahrensten deutschen Gentherapeuten.Bei stagnierendem Tumorwachstum oder bei einer Rückbildung könne es sich auch um ein zufälliges Phänomen handeln.Das Hauptproblem jeder Krebstherapie seien die Tochtergeschwülste.Sie entstehen aus Tumorzellen, die sich irgendwo im Körper angesiedelt haben und irgendwann ihr zerstörerisches Wachstum beginnen.Bei der Lösung dieses Problems setzt Wittig ebenso wie die Charité-Forscher auf die Waffen des körpereigenen Immunsystems.In drei zur Zeit laufenden klinischen Studien versucht der Leiter des "Centrums Gentherapie an der Freien Universität", das Immunsystem Krebskranker mit gentherapeutischen Mitteln zu stimulieren.Aber eine Prognose, wann der "Durchbruch" denn nun da ist, will Wittig nicht abgeben.

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