Welt : Ein Fall für die Pathologie

Eine Obduktion soll klären, wie Nadine zu Tode kam. Der Vater hofft auf eine Wiederaufnahme

Saskia Döhner[Hannover]
Nach Nadine-Indizprozess
Sie werfen der Polizei Schlamperei vor. Der Großvater und die Mutter der toten Nadine haben eine Kampagne gestartet. Foto: ddpddp

Für die Anwälte von Nadines Vater Daniel M. ist es „ein einmaliger Fall von Schlamperei durch die Polizei“. Für die Hildesheimer Staatsanwaltschaft ist es „eine makabre Inszenierung des Großvaters“. Udo Rüffer hatte am Wochenende die Leiche des kleinen Mädchens aus Gifhorn in einem Waldstück bei Bad Gandersheim entdeckt. Drei Wochen lang hatte der 58-Jährige mit zwei Helfern an einem Parkplatz gegraben und war am Sonnabend auf die sterblichen Überreste eines Kindes gestoßen. Anstatt sofort die Polizei zu benachrichtigen, informierte der Großvater am Sonntag zunächst Journalisten. Gestern nun begannen Rechtsmediziner von der Medizinischen Hochschule Hannover mit der Obduktion der fast vollständig skelettierten Leiche. „Erste Untersuchungsergebnisse werden wir frühestens nächste Woche haben“, sagte der Gifhorner Polizeisprecher Sven-Marco Claus, „eher wird auch nicht feststehen, ob es sich wirklich um Nadine handelt.“

Geklärt werden soll, wie und wann das Mädchen zu Tode kam. Die Ermittler nahmen zudem Bodenproben, um festzustellen, wie lange die Leiche an dem Fundort schon lag. Bei der laienhaften Buddelei seien bestimmt zahlreiche Spuren zerstört worden, befürchtet der Hildesheimer Oberstaatsanwalt Bernd Seemann. So soll der Großvater beim Graben mit dem Spaten den Schädel getroffen haben. Auf das Strafverfahren gegen Nadines Vater habe der Leichenfund jedenfalls zunächst keine Auswirkungen, sagte Seemann. Daniel M. war am 4. Mai zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Er soll Nadine so schwer misshandelt haben, dass sie daran starb.

Seine Frau Susanne M. bekam wegen unterlassener Hilfeleistung eine einjährige Bewährungsstrafe. Die Eltern hatten stets behauptet, dass das Mädchen im Januar 2003 nach einem Sturz vom Hochbett gestorben sei. Sie hätten die Leiche ihrer Tochter dann in einem Waldstück bei Bad Gandersheim vergraben und ihren Tod aus Angst vor dem Jugendamt jahrelang verschwiegen.

Später gaben sie eine jüngere Tochter als Nadine aus. Erst angesichts des Drucks einer drohenden Schuluntersuchung offenbarte sich Susanne M. einer Freundin. Diese ging daraufhin zur Polizei. Der Leichenfund ist für Daniel M.s Anwalt Arne Böthling ein klarer Beleg für die Glaubwürdigkeit seines Mandanten. Der Jurist forderte am Dienstag die Wiederaufnahme des Verfahrens. Zunächst müsse allerdings das Urteil rechtskräftig werden und die Entscheidung über die Revision abgewartet werden. Den Ermittlern warf Böthling Schlamperei und Ermittlungsfehler vor. „Das gehört in das Kapitel Pleiten, Pech und Pannen.“ Polizeisprecher Claus wies die Vorwürfe zurück. Man habe das Waldstück im November 2006 zweimal mit Leichenspürhunden gründlich durchsucht und nichts gefunden. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen.“ „Leichenspürhunde schlagen bei Verwesungsgeruch an, nicht aber bei einer komplett skelettierten Leiche, an der kein Geruch mehr haftet“, erklärte Christian Grünig, Leiter der Hundeführerstaffel Hannover.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben