Welt : Ein Fall von Glück

Lendenwirbelbrüche gehören zu den gefährlichsten Verletzungen, die es gibt – Fallschirmspringer Dirk Niebel ist das passiert

Adelheid Müller-Lissner

Millionen Menschen leiden, weil ihnen die Lendenwirbel wehtun. Aber was ist, wenn ein Lendenwirbel gebrochen ist? FDP-Generalsekretär Dirk Niebel ist das beim Fallschirmspringen passiert. Der 43-jährige erfahrene Fallschirmspringer verletzte sich, wie gemeldet, Mitte letzter Woche, während er in der Luftlande- und Lufttransportschule im bayerischen Altenstadt seine militärische Sprungerlaubnis erneuern lassen wollte. Wie einSprecher am Montag sagte, wird Niebel nach ärztlichen Prognosen vollständig genesen. Es sei noch nicht entschieden, ob er operiert wird oder ein Stützkorsett bekommt. Der Unfall und dessen glimpflicher Ausgang könnten ihn mit Heiner Geißler verbinden, dem ehemaligen Generalsekretär der CDU, der 1992 beim ebenfalls riskanten Gleitschirmfliegen verunglückte.

Ein Wirbel kann nur brechen, wenn sehr starke Kräfte auf den Rücken einwirken. Denn ein gesunder Wirbelkörper besteht aus stabilem Knochenmaterial, das so leicht nicht bricht – anders ist das bei älteren Menschen, die unter Osteoporose leiden, einer Art Knochenerweichung, die Wirbelkörper spontan brechen lässt.

Wenn es bei Risikosportarten oder bei einem militärischen Fallschirmsprung zu einem Wirbelbruch kommt, kann das für den Betroffenen schwere Folgen haben. „Alle Verletzungen der Wirbelsäule sind sehr ernst zu nehmen, denn es drohen oft akute und chronische Schäden", sagt Klaus Michael Stürmer, Direktor der Universitätsklinik für Unfallchirurgie, Plastische und Wiederherstellungschirurgie an der Uni Göttingen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie. Die wohl am meisten gefürchtete Folge eines unfallbedingten Wirbelbruchs ist eine Querschnittlähmung. Zwei von 100 000 Bundesbürgern ziehen sie sich infolge eines Unfalls irgendwann im Leben zu. Dazu kann es zum Beispiel kommen, wenn Trümmer und Splitter eines gebrochenen Knochens den Wirbelkanal einengen.

Er entsteht durch die Hohlräume der 24 beweglichen Wirbelknochen und ist Sitz des Rückenmarks, das Gehirn und übriges Nervensystem verbindet. Weil keine Signale mehr vom Gehirn in die Peripherie geleitet werden können, wenn die Leitungen unterbrochen sind, kommt es zu Lähmungen und Gefühlsausfällen. Dann können zum Beispiel die Beine nicht mehr bewegt werden, möglicherweise ist aber auch die Entleerung von Blase und Darm gestört, und im schlimmsten Fall versagt sogar die Atmung ihren Dienst. Die Ausfälle sind umso verheerender, je weiter oben die Verbindung unterbrochen wird.

Dirk Niebel sagte nach Angaben des Sprechers, er habe Glück im Unglück gehabt. Offensichtlich sind Rückenmark und Nervenbahnen nicht verletzt worden.

Ob ein Unfall ohne bleibende Schäden abgegangen ist, das zeigen heute meist Computer- oder Magnetresonanztomogramme. Das Bild, das sich dort ergibt, ist für die Therapie entscheidend. Wenn die anatomischen Strukturen, die für die Stabilität wichtig sind, nicht gelitten haben, muss meist nicht operiert werden. Anders sieht es bei starken Verformungen aus, vor allem aber, wenn die Gefahr besteht, dass Knochenteile noch Nerven verletzen könnten.

Die Unfallchirurgen, die täglich solche Verletzungs- und Unfallopfer operieren, haben dann verschiedene moderne Techniken zur Verfügung: Wählen sie für den Eingriff den Weg vom Rücken aus, dann können sie Knochenstücke, die in den Rückenmarkskanal eingedrungen sind, leichter entfernen oder an den richtigen Platz zurückbringen. „Der gebrochene Wirbelkörper wird dann zur Überbrückung mit einem so genannten ,Fixateur interne’ stabilisiert, einer außerordentlich stabilen Klammer, die beidseits am Rückenmark vorbei in die unverletzten Wirbelkörper oberhalb und unterhalb des Bruches eingeschraubt wird“, erläutert Stürmer. Entscheiden die Chirurgen sich für den Weg von vorne, dann können sie Bruchstücke, aber auch verletzte Bandscheiben, heute oft schon direkt durch Knochentransplantate oder sogar durch offenporige Implantate ersetzen, in denen zerkleinerte Knochen und Wachstumsfaktoren im Lauf der Zeit neue Knochensubstanz bilden können. Auch von vorne kann man heute schon in ,Schlüsselloch’-Technik operieren. „Einer großen Zahl von Patienten bleiben durch die modernen Operationsverfahren lebenslanges Leiden oder sogar der Rollstuhl erspart“, sagt Unfallchirurg Stürmer.

Natürlich kann man sich auch bei einfachen Verrichtungen im Haushalt einen Wirbelknochen brechen, beim Sturz von einer Leiter, mit deren Hilfe man eigentlich nur die Glühbirne an der Zimmerdecke auswechseln wollte. Besonders gefährdet sind und bleiben aber Sportler, denn beim Fallschirmspringen oder Gleitschirmfliegen, beim Klettern oder beim Reiten stürzen Sportler oft aus mehreren Metern Höhe oder fallen sehr unglücklich.

Auch Verkehrsunfälle können zu Wirbelbrüchen führen, doch dann sind häufiger nicht die Lendenwirbel, sondern die höher gelegenen Hals- oder Brustwirbel betroffen. Von den 1,687 Millionen Unfallverletzten, die im Jahr 2004 im Krankenhaus behandelt werden mussten, hatten laut Statistischem Bundesamt etwa 100 000 Verletzungen der Wirbelsäule. Viele Opfer eines Wirbelbruchs haben gleichzeitig mit anderen Verletzungen zu kämpfen.

Und die meisten, bei denen der Bruch beim Sport oder im Verkehr passiert, sind noch jung, der Altersdurchschnitt liegt bei 35 Jahren. Stürze aus großer Höhe sind die Ursache jedes zehnten Sportunfalls. Betrachtet man alle Sportunfälle zusammen – also einschließlich der Fußballer – , so sind nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 67 Prozent der Opfer männlich, über die Hälfte der Verunfallten ist zwischen 15 und 35 Jahre alt. Der typischste Ort für den Sportunfall ist aber nach wie vor nicht der Fallschirmlandeplatz – sondern die Sporthalle oder der Sportplatz.

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