Welt : "Ein Freund der Erde": Das umgedrehte Goldfischglas

Peter Köhler

Die Urwälder gerodet, zahllose Tierarten ausgerottet, die Luft verpestet und ein Treibhausklima erzeugt, das im Winter pausenlosen Sturmregen und im Sommer wüstenhafte Hitze bringt - "das ist die Welt, die wir geschaffen haben. Und jetzt leben wir auch drin", sagt Ty Tierwater, einer von 11 Milliarden Menschen im Jahr 2025. Der im Jargon dieser Zukunft "jungalte", nämlich erst 75-jährige Ty hat Besuch von Andrea, seiner "Exgattin von vor tausend Jahren". In den späten 1980ern hatte sie ihn zum Naturschützer bekehrt. Bis dahin war Ty einer von den x-beliebigen Durchschnittsbürgern, die "nur einfach Platz einnahmen und soundsoviel Pfund Nahrung und Liter Flüssigkeit pro Tag verprassten und in ihrem ganzen verdämmerten, kleinlichen und umweltverschmutzten Leben nichts als Abfall produzierten."

Andrea machte ihn zum "Freund der Erde"; Ty wandelte sich zum Öko-Terroristen, zu einem grünen John Wayne, der für seinen Kampf gegen die Abholzung der Wälder sogar ins Gefängnis ging. Inzwischen ist er desillusioniert, bezeichnet sein einstiges Engagement als "Narrenreise" und fristet sein Dasein als Tierhüter in der Privatmanege eines Popstars.

Ty war ein Kraftmeier, der sich ohne nachzudenken zu gewalttätigen Aktionen hinreißen ließ, und ein Einfaltspinsel, der sein Vermögen und seine Freiheit opferte, während manche Freunde von "Earth forever!" ihr Schäfchen im Trockenen hatten. Der naive, aber cholerische Ty ist ein zwiespältiger Charakter, die Ökologiebewegung erweist sich in der Praxis als zweischneidige Sache, und die Natur selbst ist außer schützenswert auch gefährlich - die Widersprüche, die T. C. Boyle vorführt, sind ziemlich banal.

Arche Noah, zum zweiten

Allerdings kann man ihm zumindest nicht simples Freund-Feind-Denken oder einfache Schwarzweißoptik vorwerfen. Auch die Welt in 25 Jahren zeichnet er, so finster er sie sich ausmalt, nicht durchgängig schwarz: Wenn sein Heldenpaar, durch sintflutartige Wolkenbrüche von der Außenwelt abgeschnitten, in der Villa des Popstars wochenlang mit den Tieren ausharrt, lässt die Analogie zur Arche Noah bereits auf ein glückliches Ende hoffen. Dass dieses Happy End wie eine Wiedergeburt der nordamerikanischen Pionierzeit aussieht, dass es obendrein den legendären Auszug Henry David Thoreaus in die Wildnis zitiert und dass es, kitschig wie es ist, überhaupt eintritt: das führt zum Problem hin, das sich in Struktur und Sprache dieses Romans verbirgt. Wenn man es positiv ausdrücken wollte, könnte man sagen: Die Handlung ist gradlinig. Richtiger aber wäre es, festzustellen: Sie ist vorhersehbar. Nicht nur, weil sie dem einfachen Muster linearer Steigerung folgt, sondern schon deshalb, weil der Ich-Erzähler durch Andeutungen die Überraschungen vorwegnimmt. Solche Simplizität muss wohl sein, wenn man den Roman aus der Perspektive des 08/15-Mannes Ty vorträgt; doch wenn der Held eines Romans den Spannungsbogen nicht tragen kann, ist etwas faul.

Viele nicht nur US-amerikanische Leser identifizieren sich womöglich mit dem Typ des bärbeißigen Einzelkämpfers, der hier anvisiert ist. Sie mögen vielleicht auch seine Sprache; andere indes werden sich, es ist "der reinste Wahnsinn", an seinen Primitivfloskeln "total" reiben, die Übertreibungen auf Dauer nicht beeindruckend, sondern großmäulig finden und, was als Eigenart einer Figurenrede genießbar wäre, als Stil des ganzen Romans nicht mehr für schnoddrig, sondern für schludrig halten.

Der klebrige Tapezierstil

Ein rhetorisches Mittel setzt Boyle schöpferisch ein: den Vergleich. Schon Raymond Chandler hat hier vorexerziert, wie man das macht. Seither gehört der Chandlerismus zum Handwerkszeug jedes besseren Unterhaltungsautors. Boyle beherrscht ihn aus dem Effeff: Jemand zeigt "ein so klebriges Grinsen, dass man darauf tapezieren könnte", oder: "Der Himmel ist wie ein umgedrehtes Goldfischglas." Freilich, erst wenn der letzte Baum gerodet und der letzte Fluss vergiftet ist, wird man merken, dass man auch T. C. Boyles Vergleiche nicht essen kann.

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