Welt : Ein Gespenst geht um in Europa

Eine Email und ihre Geschichte: Wie Gegner der Osterweiterung aggressive Propaganda betreiben

Thomas Roser[Warschau]

Die Urheber einer in Deutschland per Schneeball-System verbreiteten Email sind unbekannt. Doch arglose Empfänger vermögen die zugesandten Fotos aus der polnischen Tageszeitung „Fakt" durchaus zu entsetzen. „Willkommen in der EU!" ist die Fotoserie über die angebliche „Eröffnung des ersten Media Markts in Polen" überschrieben, die plündernde Menschenmassen, zerstörte Schaufenster, hilflose Verkäufer und blutige Verletzte zeigt. „Tja und wo das endet weiß keiner", müht sich der anonyme Absender, mit Hilfe der Fotos deutsche Urängste vor dem Ansturm mittelloser Arbeitssuchender aus dem Nachbarland nach Polens EU-Beitritt zu schüren.

Die Fotos sind echt, doch keineswegs zeigen sie den Überfall polnischer Massen auf die erste Niederlassung wagemutiger deutscher Wohlstandspioniere im wilden Osten.

Drastische Werbung

Eine Email und ihre Geschichte – was steckt hinter der aggressiven Kampagne der EU-Gegner, die sich nicht zu erkennen geben?

Seit Jahren ist die deutsche Metro AG in Polen aktiv, hat sich im Nachbarland mit unzähligen Einkaufszentren und 20 Media-Markt-Filialen zum Marktführer des Einzelhandels gemausert.

Neu sind allerdings die vulgär-agressiven Slogans, mit der die polnischen Medien Märkte seit einigen Monaten um Kunden buhlen. „Wir vögeln die Preise nach unten", verkündet im TV-Werbe-Spot mit eindeutig zweideutigen Worten ein aus der Toilette kommender Cowboy: Während der Mann dabei grinsend die letzten Knöpfe seines Hosenladens schließt, nestelt hinter ihm eine etwas derangiert wirkende Blondine an ihrer Bluse.

Mit verstärktem Reklame-Trommelfeuer und sensationellen Dumpingpreisen suchte Media-Markt zum Auftakt des Winterschlußverkaufs die Kunden an die Kassen zu locken. Beim Mitternachtsverkauf der beiden Filialen in Lodz ging das PR-Feuerwerk in der Nacht vom 8. auf den 9.Januar allerdings nach hinten los: Tausende von Kauflustigen sorgten für eine Massenpanik – und ein bisher in Polen einmaliges Einkaufsdrama.

Bereits um zehn Uhr abends drängten sich in Polens zweitgrößter Stadt vor jeder der beiden örtlichen Filialen des Media-Markts rund 4000 Menschen vor den Pforten, war der Verkehr auf den An- und Abfahrtwege durch Staus hoffnungslos lahm gelegt. Schon vor den Eingangstoren kam es unter den Wartenden bei eiskalten Temperaturen zu nervösen Rangeleien.

Weder die Verkaufs-Angestellten noch die Sicherheitsbeamten oder die herbei geordneten Polizeikräfte zeigten sich trotz Schlagstock-Einsatzes des Ansturms der Kauflustigen gewachsen. Als schließlich bereits um halb zwölf die Filiale im Einkaufszentrum M1 ihre Eingangstüre öffnete, gab es für die drängenden Massen kein Halten mehr.

Kunden gehen, ohne zu bezahlen

Scheiben, Kassen und Einkaufsstände gingen im Getümmel zu Bruch, ältere Menschen und Kinder kamen zu Fall, mussten ärzlich behandelt werden.

Als nach einer halben Stunde wegen kaputter Kassen an eine Abrechnung nicht mehr zu denken war, forderte das Personal die empörte Kundschaft zur Rückgabe der Ware und Verlassen des Ladenlokals auf. Einige verärgerte Kunden kamen der Bitte nach, andere verschwanden samt der ergatterten Ware – doch ohne zu bezahlen, wie es in späteren Berichten hieß.

Die Bilder und Berichte über die „Supermarkt-Schlacht" füllten hernach die Schlagzeilen einer entgeisterten Presse. Zu leicht sei es zu sagen, dass niedrige Preise niedrige Instinkte verursachten, schrieb die „Gazeta Wyborcza" über das Verhalten der Kundschaft, wollte sie aber auch ein wenig verteidigen: „Doch die Reklame für den Ausverkauf war vielleicht zu aggressiv und zu stark, denn solche dantaeske Szenen gehören bei solchem Frost keineswegs zur Norm."

Was ist also an der aggressiven Email dran? Den Vorfall hat es gegeben, die EU-Gegner mussten diesen Fall nur ausschlachten. Falsch ist, dass es der erste Medie-Markt in Polen war, der da gestürmt wurde. Jegliche Verantwortung für die Ausschreitungen lehnt Media Markt-Sprecherin Violeta Batog auf Anfrage entschieden ab: „Wir fühlen uns nicht schuldig, wir haben nur die Anzahl der Interessenten unterschätzt." Die Medienberichte seien übertrieben gewesen, es sei nur zu leichten Verletzungen und keinerlei Schadensansprüchen gekommen. Die nun in Deutschland kursierenden Emails bezeichnet sie als „Lüge", für die Media-Markt keine Verantwortung trage.

Vermutungen, dass das Ausverkaufsdrama der Firma auch als nützliche Gratis-PR diente, weist Frau Batog entschieden zurück.

Doch in Lodz sollten nach der Behebung des Schadens die Media-Markt-Kassen noch einmal kräftig klingeln: Bis zum Nachmittag nach der Randale-Nacht betrug dort der Umsatz fast eine halbe Million Euro.

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