Welt : Ein Gruß an Ali Agca

Flugzeugentführung in Köln unblutig beendet / Kidnapper bezahlten sogar ihre Zigaretten KÖLN (AP/AFP) Um 7 Uhr40 ist alles vorbei: mit erhobenen Händen verlassen die Flugzeugentführer Ismail B.und Nosret A.die von ihnen entführte Boeing 737-200 der Air Malta.Die Bombenattrappe, mit der sie die Maschine zur Landung auf dem Flughafen in Köln gezwungen haben, haben sie dem Piloten übergeben.Stunden der Angst für die 78 Menschen an Bord, unter ihnen viele Kinder, sind vorbei.Beamte eines Spezialeinsatzkommandos nehmen die 24 und 25 Jahre alten Türken auf dem Rollfeld fest.Nur wenige Minuten später verlassen auch die Opfer die Maschine. Es ist das unspektakuläre Ende einer bizarren Entführung.Die beiden jungen Türken hatten die Tat offenbar als Gruß, als Solidaritätsadresse an den seit 1981 in Italien in Haft sitzenden Papst-Attentäter Ali Agca gedacht."Ali Agca sollte wissen, daß er nicht alleingelassen ist, daß sich Menschen für ihn einsetzten", beschrieb der Einsatzleiter der Polizei, Winrich Granitzka, die Motivation der Täter.Die Freilassung des Häftlings sei aber nicht gefordert worden. Brutal zeigten sich die beiden nicht."Die Passagiere wurden von ihnen nicht bedroht", berichtet Granitzka sichtbar erleichtert.Mehr noch: Nachdem sie das Flugzeug in ihre Gewalt gebracht hatten, besorgten sich die beiden jungen Türken an Bord zunächst einmal Zigaretten - nicht ohne das Bezahlen zu vergessen. Was an Bord des Düsenjets geschah, der kurz vor zwei Uhr in der Nacht von Malta aus Richtung Istanbul gestartet war, faßt die Polizei wie folgt zusammen: Runde eine halbe Stunde nach dem Start stehen zwei Passagiere auf; einer geht zum Cockpit, der andere zum Heck.Noch einmal wechseln sie ihre Position, dann droht der Entführer im Cockpit dem Kapitän mit einer Bombe, wenn er nicht sofort Kurs auf Köln-Bonn nimmt.Zum Beweis lüftet der Entführer sein Hemd: Der Kapitän sieht einen Gegenstand der am Oberkörper des Mannes befestigt ist; auch Drähte sind unter dem Hemd sichtbar. Der Mann am Steuerknüppel behält die Nerven: "In ruhiger Form", so Granitzka, informiert der Kapitän die Passagiere.Dafür erhält er später von der Flughafenleitung ein dickes Lob.Die Fluggäste sind Überwiegend Malteser, Libyer und Türken.Auch ein Deutscher ist an Bord. Um kurz vor fünf Uhr Morgens setzt die Boeing in Köln auf.Ismail B.und Nosret A.nehmen über einen Dolmetscher Verhandlungen mit der Polizei.Der Dolmetscher habe beruhigend auf die Entführer gewirkt, sagt ein Sprecher der Flughafengesellschaft.Dennoch gestalten sich die Verhandlungen schwierig: In ihren Forderungen seien die Entführer "sehr schwankend" gewesen, berichtet Garnitzka.Gegen sechs Uhr lassen sie fünf Passagiere mit Kreislaufbeschwerden frei.Die Hijacker bestehen darauf, mit einem TV-Team zu sprechen.Ein Fernsehteam des WDR wird zur Rollbahn gebracht - eine taktische Maßnahme der Polizei, um die Entführer zu beruhigen.Mit den Journalisten ist abgesprochen, daß es kein Interview geben wird. Um Punkt 07.30 Uhr führen die Verhandlungen zum Erfolg: Der Flugkapitän meldet, die Täter hätten ihre "Waffen" abgegeben. Vorsorglich entfernt der Kapitän den vermeintlichen Zeitzünder der angeblichen Bombe und wirft das schwarze Kästchen aus dem Cockpit-Fenster.Neun Minuten später sitzen die Hijacker im Polizeiwagen. Später stellt sich heraus: Gegen Nosret besteht bereits ein deutscher Haftbefehl.Den beiden jungen Männer droht nun wegen Geiselnahme und tätlichen Eingriffs in den Luftverkehr bis zu 15 Jahren Gefängnis. Flugzeugentführungen in Deutschland DÜSSELDORF (dpa).Die letzte Flugzeugentführung in Köln liegt bereits knapp 18 Jahre zurück: Im September 1979 kaperte Ein 31jähriger aus Rotenburg an der Fulda hatte eine Boeing 727 der Lufthansa auf dem Flug von Frankfurt nach Köln und forderte von der Bundesregierung eine "humane und soziale Zukunft".Weitaus häufiger als Entführungen innerhalb Deutschlands sind Vorfälle, bei denen Verkehrsmaschinen im Ausland gekapert werden und deutsche Flughäfen als Ziel ansteuern.Folgende Entführungen sorgten in jüngster Zeit für Aufregung: K Januar 1997: Ein 39 Jahre alter Bosnier kapert auf dem Flug nach Wien eine Maschine der österreichischen Austrian Airlines (AUA) und zwingt sie zum Rückflug nach Berlin.Der offenbar psychisch verwirrte Mann wollte eine Verlängerung seiner Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland erzwingen. K März 1996: Eine Boeing 727 der türkisch-zyprischen Fluggesellschaft KTHY wird auf dem Flug von Nordzypern nach Istanbul entführt und nach München dirigiert.Der 20jährige türkische Entführer wollte auf den "Mord" an seinen tschetschenischen Glaubensbrüdern aufmerksam machen. K November 1994: Ein griechischstämmiger Schweizer kapert eine Maschine auf dem Flug von Düsseldorf nach Athen: Der 24jährige nannte "enttäuschte Liebe" als Motiv.Bei einer Zwischenlandung in Thessaloniki ließ er sich festnehmen; viele der Passagiere hatten die Entführung gar nicht bemerkt. K August 1993: Ein Ägypter (40) entführt eine mit 131 Passagieren besetzte niederländische Boeing 737 auf dem Flug Amsterdam-Tunesien nach Düsseldorf.Nach zwölf Stunden wird der Mann von Beamten der Spezialtruppe GSG 9 überwältigt.Er hatte die Freilassung des mutmaßlichen Drahtziehers des Anschlags auf das World Trade Center gefordert.

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