Ein halbes Jahr nach der Flut : Jammern ist zwecklos

Nach der Flut im vergangenen Sommer ist im bayerischen Fischerdorf alles anders. Mehr als zwei Wochen lang war der kleine Ort an der Donau überflutet, von Normalität kann noch immer keine Rede sein. Mitten im Wiederaufbau üben sich die Einwohner angestrengt in Zuversicht.

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Fischerdorfer Häuser und ein Stück der Autobahn A3 am 5. Juni 2013.
Fischerdorfer Häuser und ein Stück der Autobahn A3 am 5. Juni 2013.Foto: picture alliance / dpa

Als das Wasser dann 2,70 Meter hoch im Gastraum steht, bis knapp unter die holzvertäfelte Decke, als kein Mensch mehr da ist, als aus Fischerdorf eine einzige riesige Seenlandschaft geworden ist, da steigt Georg Scheßl ins Schlauchboot. Allein fährt er an diesem heißen Tag im Juni 2013 raus zu seinem im Donau- und Isarwasser untergegangenen Georgenhof. Auf Höhe des ersten Stocks kann er anlegen, er gelangt in ein Gästezimmer. Ein Kasten Bier ist noch da. Scheßl setzt sich auf den Balkon, öffnet eine Flasche Bier, zündet eine Zigarette an und blickt aufs Wasser. „Da dachte ich die ganze Zeit nur ein einziges Wort“, erzählt der 52-Jährige. „Höllenstille.“

Normalerweise rauscht es im bayerischen Fischerdorf immer leise. Das Geräusch kommt vom nahen Autobahnkreuz Deggendorf, wo sich die Fahrbahnen teilen Richtung Regensburg und Passau. Normalerweise tuckern auch Traktoren auf den Feldern. Und im Georgenhof mit Gaststätte und Pensionsbetrieb ist es auch nie richtig ruhig, das Geschirr klappert, Türen werden auf- und zugesperrt, Duschen und Spülmaschinen laufen. Doch nun ist es still. Höllenstill. Und es stinkt. „Das Wasser“, sagt Georg Scheßl, „war eine Kloake mit Heizöl und Fischkadavern.“

Hochwasser in Deutschland
Das Hochwasser geht, der Schaden bleibt. Wie hier auf der Bundesstraßee 188 bei Kabelitz (Sachsen-Anhalt).Weitere Bilder anzeigen
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27.06.2013 21:23Das Hochwasser geht, der Schaden bleibt. Wie hier auf der Bundesstraßee 188 bei Kabelitz (Sachsen-Anhalt).

Seit der Flut im vergangenen Sommer ist in Fischerdorf, einem 700-Einwohner-Teilort von Deggendorf, alles anders. Das gewaltige Hochwasser traf 2013 zahlreiche Orte in ganz Deutschland, in vielen zogen sich die Fluten relativ zügig auch wieder zurück. In den Innenstädten des nahen Passau oder Regensburg etwa sieht man kaum mehr Spuren. Fischerdorf aber, wo das Wasser mehr als zwei Wochen lang stand, ist noch immer weit entfernt von Normalität.

Ständiger Umgang mit Zerstörung

In dem Dörfchen, wo jeder jeden kennt, versuchen sie sich zum neuen Jahr in Zuversicht – und im Wiederaufbau. Einfach ist das nicht, dieser ständige Umgang mit der Zerstörung, das Nachdenken über die eigenen kaputten Häuschen, über Besitz, der verloren ging und das Wenige, was manchen blieb.

Andrea Pfeffer steht in den letzten Tagen des alten Jahres in der neuen Küche ihres damals beinahe untergegangenen Hauses in der Isarstraße und macht Kaffee. Die Maschine ist neu, besser vielleicht, in jedem Fall anders als die vorher. Sie kocht nicht einfach nur Filterkaffee. An ihr kann man wählen zwischen Espresso, Cappuccino und Latte Macchiato. Die 39-Jährige serviert den Kaffee und setzt sich auf das neue schwarze Sofa. „Die ganzen neuen Sachen sind mir so fremd“, sagt sie. „Es ist, als ob das nicht mir gehört.“

Pfeffer ist Mutter von zwei Kindern, im Pfarramt arbeitet sie als Sekretärin. Sie lächelt ein bisschen traurig. Erst seit ein paar Tagen sind die Pfeffers wieder vom ersten Stock des Hauses in das Erdgeschoss heruntergezogen, bis dahin wurde es saniert. Zu Weihnachten war die ganze große Familie nicht wie gewohnt bei ihren Eltern in der Rosenstraße versammelt. Denn deren Haus muss abgerissen werden, die Eltern wohnen seit der Flut in einer kleinen Wohnung in Deggendorf, auf der anderen Seite der Donau. Stattdessen kamen alle zu Andrea und ihrem Mann Siegfried. „Mir hat davor gegraut“, sagt die Frau. Denn ihr war klar, wie die Stimmung sein würde. Andrea Pfeffer sagt: „Es war sentimental.“

Trauer, aber auch Erleichterung

Am Dienstag, dem 4. Juni 2013, geht Siegfried Pfeffer morgens um vier Uhr aus dem Haus. Katastrophenalarm, Pfeffer ist bei der Freiwilligen Feuerwehr. Er schuftet 20 Stunden am Stück, rettet Menschen und ihren Besitz – während sein eigenes Haus absäuft. Andrea Pfeffer räumt in dieser Zeit so viele persönliche Dinge wie möglich nach oben in den ersten Stock. Alles, was wichtig ist, oder ihr wichtig zu sein scheint. Ausweise, Zeugnisse, Dokumente, aber auch die Fotoalben. Doch vieles, was sich nicht so leicht umsortieren oder finden lässt, fällt dem Wasser zum Opfer: die Schlafzimmereinrichtung, der Fernseher, der Hochzeitsfilm der Pfeffers von 1997.

„Sind wir mal ehrlich“, sagt Andrea Pfeffer, „wann haben wir den Film das letzte Mal angeschaut?“ Sie ist traurig, aber auch ein bisschen erleichtert. „Man merkt, vieles von dem Gelump brauchen wir gar nicht.“ Oder anders herum: Man merkt, was wirklich wichtig ist. Die Familie, das eigene Leben, nicht das Sofa oder die Kommode. Als Fischerdorf schließlich evakuiert wird, hat Andrea Pfeffer mit ihrer Trauer abgeschlossen. Es muss ja weitergehen.

Auf den Straßen im Ort liegt noch immer Schlamm, der bei dem kalten, nebligen Donauwetter an den Schuhsohlen haften bleibt. Andrea Pfeffer weiß zu fast jedem Haus die Geschichte. „Die müssen abreißen“, sagt sie und deutet auf ein unbewohntes Haus, „dort wird gebaut.“ Es gibt eine Moschee, sie steht noch, aber auch sie muss abgerissen werden. Zwanzig hohe Baukräne stehen gerade in Fischerdorf, der Wiederaufbau ist auch ein Konjunkturprogramm für das Handwerk.

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