Welt : Ein Herz aus Hirn: Hoffnung auf Ersatzorgane ohne Verwendung von Embryos

Hartmut Wewetzer

Stammzellen gelten als neue Hoffnung für die Therapie von Krankheiten. Sie sollen krankes oder zerstörtes Gewebe ersetzen, zum Beispiel Insulin für Zuckerkranke herstellen oder Querschnittslähmungen überbrücken. Denn Stammzellen können sich in viele verschiedene Zellarten verwandeln.

Bisher dachte man, dieses Talent zur Metamorphose hätten nur Stammzellen von Embryonen. Jetzt aber haben schwedische Forscher eine erstaunliche Entdeckung gemacht, über die sie in der heutigen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Science" berichten. Im Tierversuch fanden sie heraus, dass auch die Stammzellen erwachsener Lebewesen noch höchst beweglich sind und sich in viele verschiedene Zellarten verwandeln können. Damit könnten ethische und rechtliche Probleme, wie sie bei der Nutzung embryonaler Stammzellen auftreten, vermieden werden. Ein schwedisches Wissenschaftler-Team vom Karolinischen Institut in Stockholm verpflanzte Stammzellen aus dem Gehirn von Mäusen - diese "Urzellen" sind für die Bildung von Nerven zuständig - in Hühner- und Mäuse-Embryonen oder züchtete sie zusammen mit embryonalen Zellen im Reagenzglas. Überraschenderweise stellte sich heraus, dass die verpflanzten Hirnzellen ganz neue Talente entfalteten. Die Zellen wuchsen zu genau dem Gewebe heran, das dem embryonalen Bauplan entsprach. Je nach Ort des Geschehens wurden aus den verpflanzten Stammzellen also Herz-, Lungen-, Dünndarm-, Nieren-, Leber- oder Nervenzellen. Am überraschendsten war für die Forscher, dass das schlagende Herz von Mäuseembryonen "zu einem großen Teil aus Nerven-Stammzellen bestand". Der Forscher Jonas Frisén formulierte als Fernziel: Wenn man die Substanzen kenne, die die Stammzellen veränderten, werde es möglich sein, das passende Gewebe für die medizinische Anwendung aus erwachsenen Stammzellen zu züchten.

Die Studie könnte Rückwirkungen auf die internationale Forschungspolitik haben. Denn die bisher als mögliche Quelle für neues und gesundes Gewebe angesehenen embryonalen Stammzellen sind nicht zuletzt in Amerika umstritten. Nach einem Kongressbeschluss gibt es in den USA keine öffentlich finanzierte Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen. Wenn nun Stammzellen, die von Erwachsenen stammen, für Studien benutzt werden können, ließe sich das Problem aus dem Weg räumen.

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