Welt : Ein Hoch auf König Özel

Im erzkatholischen Paderborn regiert nun ein Muslim den Schützenverein

Petra Viebig

Der Heimat sind sie verpflichtet, der Sitte und dem Glauben. Doch Sitte meint nicht deutsche Leitkultur. Glauben meint nicht automatisch den Besuch der Sonntagsmesse im Paderborner Dom. Und Heimat nicht den Rückzug vor dem Fremden. Im Gegenteil, der Schützenverein Paderborn wollte immer ein Verein für alle Bürger sein, über soziale und religiöse Grenzen hinweg. Ein türkischer Schützenkönig passt da gut ins Bild. Am 9. Juli hat Emin Özel, geboren in der Türkei, den hölzernen Adler von der Stange geschossen und sitzt nun auf dem Thron des Vereins der Paderborner Bürgerschützen. Es ist der erste Schützenverein in Deutschland, in dem ein Ausländer König geworden ist. „Das ist super aufgenommen worden“, berichtet Zeremonienmeister Olaf Hildebrandt, „Aber er hat sich auch einfach toll präsentiert.“ Eine gute Präsentation ist Teil von Özels Leben. Der 46 Jahre alte Geschäftsmann, der seit 1971 in Deutschland lebt, ist gemeinsam mit seiner Frau Inhaber einer Werbeagentur.

Das mit der Königswürde war eigentlich nicht geplant. Um diese zu erlangen, muss man drei Voraussetzungen erfüllen: Man muss Mitglied im Verein sein, eine Schützenuniform tragen und obendrein im richtigen Moment gut schießen können. Schon die Vereinsmitgliedschaft war für Özel eher Zufall. Ein Bekannter hat ihn zu einem Schützenfrühstück mitgenommen. Dort hat er dann fast nebenbei das Eintrittsformular ausgefüllt. Auch die Uniform hat er sich nicht sofort selbst zugelegt. Seine Agentur hat einen Malwettbewerb des Vereins betreut. Als Dank sollte er einen Orden erhalten. Und da man solch einen Orden nicht als Zivilist tragen kann, haben die Schützenbrüder ihm die Uniform gleich mitgeschenkt. Vom Thron trennte ihn dann nur noch der erfolgreiche Schuss. Dazu musste sich der ungeübte Schütze allerdings erst einmal zum Schießen melden, und das hatte er eigentlich gar nicht vor. Einen Tag vor dem Wettbewerb aber kam der Hauptmann seiner Kompanie, Ludger Kronersmann zu ihm und schlug ihm vor teilzunehmen. Ein Türke als König eines Schützenvereins, das sei doch ein großartiges Plädoyer für Integration und Toleranz, sagte ihm Kronersmann damals. Das überzeugte Özel. An einen Sieg hat er trotzdem nicht geglaubt.

Am Ende jedoch schoss er im wahrsten Sinne des Wortes den Vogel ab. Schon am Schießturm standen die Gratulanten Schlange. Seitdem kann er sich vor Glückwünschen kaum retten. Nun soll sein Beispiel anderen Ausländern Mut machen, ebenfalls gesellschaftlich mitzumischen und sich zu engagieren. „Ich wollte zeigen, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund integrieren können, wenn sie die Möglichkeit dazu bekommen und es selbst versuchen.“ Das kommende Jahr wird Özel genügend Gelegenheit haben, mit gutem Beispiel voranzugehen. Auf den Schützenfesten des Vereins muss er Repräsentationspflichten übernehmen. Dass er als gläubiger Muslim keinen Alkohol trinkt, sei dabei kein Problem, sagt Özel. Darauf hätten sich alle eingestellt. Seine erste Amtshandlung hat er schon hinter sich. Dem Schützenvolk ließ seine Majestät ausrichten, wie sehr er sich freue: „Danke, dass ich einer von euch sein darf.“

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