Welt : Ein Kätzchen namens Katrina

In New Orleans hilft Galgenhumor beim Aufräumen. Und alle suchen Arbeitskräfte – sogar die Striplokale

Annette Kögel

In New Orleans ist Gründerzeit, und viele Branchen boomen: „Hurrikanbodenreinigung“, „Bäumezerlegerei“, „Sturmrenovierung“. Die Werbeschilder hängen an den umgestürzten Baumriesen, deren Wurzeln ganze Vorgärten im 90-Grad-Winkel in die Luft mitgerissen haben. „Überall werden Arbeitskräfte gesucht: in den Firmen, in den Restaurants, in den Striplokalen“, sagt Eva Tullier und nimmt ihren Mundschutz ab. Die 35-Jährige ist seit mehr als zehn Jahren Wahlberlinerin – doch nach den Naturkatastrophen war für die gebürtige Amerikanerin aus New Orleans klar: „Ich muss in meine alte Heimat, meiner Familie helfen.“

Jetzt gehört die Frau aus Schöneberg zu den Ersten, die nach den Hurrikans „Katrina“ und „Rita“ im Chaos der Südstaatenmetropole zurückzukehren versuchen zu dem, was man Alltag nennen könnte. Eigentlich wollte Eva Tullier, die in Berlin freiberuflich als Übersetzerin für die Moabiter Computerfirma Thin Print mit Filiale am Mississippi arbeitet, schon vor Wochen zum Aufräumen nach „The Big Easy“. Doch dann kam mit „Rita“ Hurrikan Nummer zwei, und sie musste mit Mutter und Geschwistern ausharren im Notquartier beim Onkel in Tennessee. Nun aber wurde der Friesennerz angezogen, die Maske übergestülpt, der Bauhelm aufgesetzt – und erst mal ein Erinnerungsfoto gemacht. Eva Tullier hilft wie vielen anderen Südstaatlern der Galgenhumor „durch das Schlimmste, was ich je erlebt habe“.

Von den 2000 Dollar Hilfsgeld, das die Behörden anfangs jedem Sturmopfer auszahlten, haben sich viele einen Gebrauchtwagen gekauft, um wieder mobil zu sein. Die Tulliers waren rechtzeitig mit ihrem Minivan geflüchtet – und jetzt über die Interstate 59 zurückgefahren. Ab Alabama sahen sie „Pekannussbäume und Zypressen, die Häuser durchschnitten wie ein Messer eine Torte“. Dann kamen „Baumstapel, groß wie ein fünfstöckiges Haus, ordentlich neben der Straße aufgereiht“. Eva Tullier hat das alles vorher in Berlin im Fernsehen gesehen. Aber jetzt, mit eigenen Augen, das ist was anderes: „Die Garagendächer sind wie Babydecken um die Autos gewickelt, der Superdome hat eine neue zerzauste Frisur, und die Militärhubschrauber fliegen über allem wie bei euch früher die Rosinenbomber, das ist krass.“

Doch die Menschen können all die Häuser mit Fluchtlöchern im Dach, all das verfaulte Grün im Südstaatendschungel, all die in der Nässe wie Pappkartons geschrumpften Häuser, all den Schlamm und die verkohlten Ruinen nicht mehr sehen. „Deswegen steht auch keiner da und meckert, sondern alle flitzen wie die Ameisen hin und her und räumen auf.“ Und zwischendurch macht man zum Aufmuntern ein Tänzchen im Müll wie beim Mardi Gras. Und verdrängt den Gedanken, dass die Versicherungen nichts zahlen.

Am Haus von Evas Mutter im New Orleanser Vorort Metairie konnten alle aufatmen: „Wir haben Strom, Telefon, Post.“ Das Wasser aus dem Hahn ist aber ungenießbar, „dabei musst du viel trinken und Salztabletten nehmen, um in der Hitze nicht umzukippen“. Erst recht nach einem Besuch im Supermarkt. „Die sind blitzblank geputzt, aber als ich durch die Tür kam, dachte ich: Igitt, riecht das muffig. An den Kühltruhen hat sich mir der Magen umgedreht.“ Den Gestank von verfaultem Huhn, Rind, Milch, „den konnten sie nicht beseitigen. Das kann sich bei euch in Berlin keiner vorstellen“. Immerhin haben Restaurants im French Quarter wieder geöffnet. „Da hängen draußen grellrosa Zettel mit Bestätigungen, dass sie gesundheitstechnisch inspiziert wurden.“ Aber teuer sei alles. „Mein Vater hat gemeckert: drei Dollar für ’nen Kaffee! McDonalds hatte noch gar keinen.“

Die Ersten, die hier einkehren, sind die nimmermüden Helfer der Wellfare-Organisationen. Dann kamen, so Eva, „leider auch viele Idioten zurück: ohne Impfungen, ohne Atemschutz“. Jetzt sucht sie Zimmer für Freunde aus Berlin, die helfen wollen. Vielleicht ziehen die auch in Wohnwagenanhänger mit Generatoren, wie ihr Bruder Joe. „Denen ist in Texas ein Kätzchen zugelaufen. Sie haben es – dreimal dürft ihr raten – Katrina genannt. Es hat vor nichts Angst. Vor wirklich nichts.“

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