Welt : Ein Klassiker zu Lebzeiten - Der Soziologe feiert in Berlin

Hermann Rudolph

Üblicherweise versuchen Wissenschaftler, der Wirklichkeit auf die Schliche zu kommen. Seltener kommt es vor, dass die Wirklichkeit zu Wissenschaftlern kommt. Ein solcher Fall geschah dem Ökonomen und Soziologen Albert O. Hirschman vor zehn Jahren mit dem Zusammenbruch der DDR. Ein zwanzig Jahr altes Buch von ihm bekam plötzlich eine unerwartete Aktualität. Das von ihm darin untersuchte Verhältnis von "Abwanderung und Widerspruch", ursprünglich auf Organisationen bezogen, öffnete den Blick dafür, wie sehr das Zusammenspiel von Massenabwanderung und Widerstand ein Schlüsselphänomen für den Untergang der DDR gewesen ist. Diese Erfahrung ereilte Hirschman übrigens im Wissenschaftskolleg, dessen Fellow er 199o wurde. Die Beschäftigung mit diesem Thema bedeutete für ihn, wie er schrieb, den "Wiedereintritt" in deutsche Politik und Geschichte". Denn Hirschman gehört zu den vielen jüdisch-deutschen Begabungen, die Deutschland 1933 vertrieb.

Seither hat sich Hirschman immer wieder im Wissenschaftskolleg aufgehalten. Er hat den Deutschen die Begegnung mit einer faszinierenden Biographie und einer bedeutenden Figur der Sozialwissenschaften ermöglicht. Denn in welchem Leben ergibt es sich, dass die Ehrendorktorhüte, die Hirschman erhalten hat - von Berlin bis Turin -, die "weitgehend unfreiwiligen Wanderungen" während seiner jungen Jahre nachzeichnen, "acht lange, schwierige und abenteuerliche Jahre von 1933 bis 1941"? Der gebürtige Berliner hörte noch erste Vorlesungen an der Friedrich-Wilhelms-Universität, dann traf ihn das Schicksal des Emigranten: Frankreich, Spanien, Portugal, schliesslich Amertika. Dort wurde er zu einer der grossen Gestalten der Sozialwissenschaften, mit Lehrstühlen in Columbia, Yale und Harvard, mit dem legendären Institute für Advanced Study in Princeton als Schlusstein - ein "Klassiker zu Lebzeiten" (Wolf Lepenies).

Hirschman war immer ein Grenzgänger zwischen Ökonomie und Sozialwissenschaften, Politik und Ethik, strenger Analyse und moralischem Urteil. In seinem Werk nähern sich die Sozialwissenschaften wieder den "moral sciences", den Wissenschaften von den Sitten und Einstellungen in der Gesellschaft und bei ihren Mitgliedern, die sie in ihren Anfängen waren. Das macht ihn anregend und irritierend zugleich, instruktiv für Fachleuite, lesbar für Interessierte. Wer sonst in den Sozialwissenschaften machte die Ambivalenzen zum Thema, die die Bürger hin und herreissen - zwischen dem Rückzug ins Private und dann wieder ausbrechender "Öffentlichkeitsseligkeit", zwischen - so ein Buchtitel von ihm - "Engagement und Enttäuschung", "Privatwohl und Gemeinwohl"? Wer widmet dem "Syndrom des Steckenbleibens", einem der großen, viel beklagten Phänomen unseres öffentlichen Lebens, eine kluge Abhandlung? Oder der "Rhetorik der Reaktion"? Hirschman gibt keine Lösungen. Aber der alte Mann, der so viel erlebt hat, ist ein Lehrer für Gesellschaften, die lernfähig sind und mit ihren Konflikten umzugehen verstehen. Also für uns?

An diesem Freitag wird Albert O.Hirschman 85 Jahre alt. Als Gast des Rektors Wolf Lepenies begeht er seinen Geburtstag im Wissenschaftskolleg, das gestern mit einem Kolloquium und einem Vortrag von Hans-Jürgen Wagener, Professor in Frankfurt/Oder, ehrte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar