Welt : Ein Leben in Abhängigkeit

Die drei in London aus häuslicher Sklaverei befreiten Frauen und ihre Peiniger könnten „sektenähnliche Beziehung“ geführt haben Premier Cameron spricht von einem entsetzlichen Fall und will nun die Gesetze überprüfen lassen.

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Lambeth Road im Süden Londons. Am Samstag befragte die Polizei Anwohner in der Nachbarschaft der Umgebung des Hauses, wo die drei jetzt befreiten Frauen offenbar mehrere Jahrzehnte festgehalten worden waren. Foto: Andy Rain/dpa
Lambeth Road im Süden Londons. Am Samstag befragte die Polizei Anwohner in der Nachbarschaft der Umgebung des Hauses, wo die drei...Foto: dpa

Bei dem wegen der Haltung von drei Frauen als „Haussklaven“ verhafteten und dann gegen Kaution frei gelassenen Londoner Ehepaar handelt es sich Berichten zufolge um Einwanderer aus Indien und Tansania. Mit den Ermittlungen vertraute, anonyme Quellen beschrieben der Presse gegenüber die unklare Beziehung zwischen den drei Frauen und dem Ehepaar als „sektenähnliche Kultbeziehung“.

„Dies ist kein gewöhnlicher Fall von häuslicher Knechtschaft. Es scheint sich um eine Kultbeziehung zu handeln, im Laufe deren langer Geschichte die Frauen zu Haussklaven wurden“, zitierte die Times eine Quelle aus dem Umkreis der Ermittlungen. In offiziellen Briefings hatte die Polizei von „Gehirnwäsche“ und „unsichtbaren Handschellen“ psychischer und physischer Gewalt gesprochen, mit denen die Frauen in Abhängigkeit gehalten wurden. „Es ist ein verstörendes Bild emotionaler Kontrolle über viele Jahre hinweg.“

Erst diese Woche wurde bekannt, dass drei Frauen am 25. Oktober mit Hilfe der Hilfsorganisation „Freedom“ aus einem Londoner Haus befreit wurden. Die Flucht wurde von einer 57-jährigen Irin und einer 30-jährigen Britin durch einen Anruf bei der Notrufnummer der Organisation initiiert. Die Polizei prüft, ob es sich bei der 30-Jährigen um die Tochter der 57-jährigen Irin handelt und ob der 67-jährige verhaftete Mann der Vater der jungen Frau ist. Die älteste der „Sklavinnen“, eine 69-jährige Malaysierin, war in die Fluchtpläne zunächst nicht eingeweiht, sagte Aneeta Prem, die Leiterin der Hilfsorganisation. „Sie hatten Angst, dass sie nicht mitkommen oder die Pläne verraten könnte, wenn sie etwas herausfindet“, sagte Prem dem „Guardian“. Zu den Schuldvorwürfen an das verheiratete Paar gehört auch unterlassene medizinische Hilfeleistung. Offenbar hatte die Malaysierin einen Schlaganfall erlitten, durfte aber keinen Arzt konsultieren.

„Dieser Fall ist einzigartig und lässt sich mit nichts vergleichen, das wir bisher untersucht haben“, sagte Polizeikommandeur Steve Rodhouse. Von außen, betonen die Ermittler, habe die Gruppe wie eine zurückgezogen lebende Großfamilie gewirkt. Rodhouse betonte, der Fall gehöre „nicht in die Kategorien sexueller Ausbeutung oder das, was wir als Menschenhandel bezeichnen“. Aneeta Prem hatte von „schrecklichen Bedingungen“ der Gefangenschaft gesprochen, auch die Polizei bestätigte, dass die Frauen geschlagen wurden. Aber die Freilassung des verheirateten Paares zeigt, dass die Beweise für offenkundige Misshandlungen nicht auf der Hand liegen. Rodhouse bestätigte: „Es ist nicht offensichtlich, dass die Frauen in dem Haus physisch festgehalten wurden und ihnen das Verlassen des Hauses verboten war.“

Trotzdem hat der Fall die Themen Menschenhandel und Ausbeutung in der modernen Gesellschaft schlagartig ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Premierminister David Cameron bezeichnete den Fall als „absolut entsetzlich“. Der Labour-Veteran Frank Field, der von Cameron als Leiter einer Kommission benannt wurde, die eine Verschärfung des Gesetzes über moderne Sklaverei vorbereitet, bezeichnete den Fall als „Spitze eines Eisberges“: „Kriminelle Organisationen verdienen riesige Geldsummen mit Menschen, die für fast nichts nach Großbritannien geschmuggelt werden.“

Die Organisation „Freedom“ berichtet, seit Bekanntwerden des Sklavereifalls werde sie mit Telefonanrufen von Menschen überflutet, die behaupteten, sie würden in häuslicher Sklaverei gehalten. Kritik wurde auch an den Bestimmungen des neuen Einwanderungsgesetzes geäußert, nach denen Aufenthaltsgenehmigungen von Dienstpersonal an die Aufenthaltserlaubnis von Arbeitgebern geknüpft werden. Dienstpersonal kann demnach keine neuen Arbeitgeber in Großbritannien suchen. Chauffeure und Hausmädchen müssen, wenn ihr Arbeitgeber das Land verlässt, wieder mit ausreisen.

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