Welt : Ein Mann für gewisse Stunden

Der Film „Shall we dance“ lockt die Zuschauer auch in die Tanzschulen. Dabei stellt sich eine Frage: Soll man mit der eigenen Frau tanzen?

Andreas Oswald

Was ist besser: Wenn ein Mann mit seiner eigenen Frau tanzen geht oder mit anderen Frauen? Vor allem, was ist besser für die Frau? Denn darum geht es beim Tanzen: dass die Frau sich gut fühlt. Dafür ist der Mann da.

In dem Film „Shall we dance“ mit Richard Gere und Jennifer Lopez, der seit fünf Wochen mit großem Erfolg in den Kinos läuft, geht der Mann heimlich nach der Arbeit tanzen. Er geht nicht fremd, will das auch gar nicht. Am Schluss steht er mit einer roten Rose vor seiner Frau, nimmt sie in den Arm und wiegt sie über den Boden. Was manche Kritiker als süßlichen Hollywood-Kitsch abtun, hat eine tiefe Wahrheit. Lernt ein Mann ohne seine eigene Partnerin tanzen, weiß er umso besser, sie aufs Neue zu verführen. Vielleicht hat er das gelernt, weil er zwischendurch mit einer Jennifer Lopez getanzt hat. Er geht mehr auf seine Frau ein, ist aufmerksamer, tut alles, damit sie sich gut unterhält. Seine Frau ist am Ende die Gewinnerin.

Eineinhalb Millionen Menschen sahen in Deutschland bisher den Film, er hält sich trotz aller Verrisse hartnäckig unter den ersten in den Kino-Charts.

Wer Richard Gere und Jennifer Lopez bei einem Tango sieht, der täte das gerne auch. Die Tangoschulen, die Salsaschulen und die Schulen für Standard und Latein könnten von dem Ansturm auf den Film profitieren. In der Tat meldeten sich bei vielen Tanzschulen erste Zuschauer für die neuen Kurse an, die überwiegend im Januar beginnen.

Manche Männer nehmen lieber Einzelunterricht. „Die sagen: ,Beim Tango gibt es so tolle Frauen, ich will gut tanzen können, wenn ich sie auffordere’“, sagt Ulrike Albrecht von der Tanzschule des Ballhauses Walzerlinksgestrickt in Kreuzberg. Andere kommen als Paar. Kann es überhaupt gut gehen, wenn ein Paar gemeinsam tanzen lernen will? „Wenn das Paar glücklich ist, ist es wunderbar“, sagt Ulrike Albrecht. Bei einer Ehekrise könne der Konflikt dagegen aufbrechen. Jeannette Winter vom Tanzstudio Mitte verordnet – wie viele andere Tanzlehrer auch – Partnertausch, wenn ein Paar nicht miteinander klarkommt. „Dann tanzen beide mit anderen und sind glücklich.“

Beide Tanzlehrerinnen werben um Verständnis für die Männer, die ihrer Ansicht nach gerade am Anfang die schwerere Aufgabe zu bewältigen haben. Frauen lernen schneller, während der Mann gleichzeitig seine Füße sortiert und versucht, seine Frau festzuhalten.

Es ist für einen Mann, der bei seiner Arbeit alles unter Kontrolle hat, außerdem nicht einfach, plötzlich in aller Öffentlichkeit einer Lernsituation ausgesetzt zu sein, in der er nur eine mittelmäßige Figur macht. Auch eine Frau hat es nicht leicht, wenn sie den Haushalt im Griff hat und in der Beziehung vieles bestimmt. Plötzlich soll sie sich von ihrem Mann führen lassen? Niemals! Außerdem kann er gar nicht führen.

Wenn Paare den ersten Kurs schaffen, kann sich ihnen ein schönes Feld eröffnen. Sie erleben wunderbare Stunden, sie lernen völlig neue Menschen kennen, vor allem: Wer sich bewegt, hat gute Laune und vergisst Sorgen und Alltagsstress. Die anfängliche Angst der Männer, sich lächerlich zu machen, ist unbegründet. Die anderen Männer im Kurs sind genauso in Gedanken mit ihren Füßen beschäftigt wie sie selbst.

In Tanzkursen sind oft ganz bestimmte Typen von Männern zu sehen. Der Film „Shall we dance“ stellt drei von ihnen vor, es gibt aber mehr.

Der Überflieger. Er ist die Ausnahme: ein tänzerisch wirklich begabter Mann, der sofort die Schritte lernt und ein Gefühl für die Bewegungen entwickelt.

Der Unauffällige. Macht seiner Frau zuliebe einen Kurs mit. Wenn sie ihn ungeduldig kritisiert, schaut er sie ruhig, liebevoll und verständnisvoll an und gibt sich weiter Mühe. Er ist der ideale Partner, was auch andere Frauen merken.

Der Ungeschickte. Er meint, er habe zwei linke Füße, ihm gelingt nichts, und weil es ihm peinlich ist, gibt er nach zwei oder drei Stunden auf.

Der Hartnäckige. Auch er stellt sich ungeschickt an, braucht lange, um etwas zu lernen, die Geduld seiner Partnerin wird auf eine harte Probe gestellt. Obwohl er schwitzt und Mühe hat, neue Tanzpartnerinnen zu gewinnen, gibt er nicht auf. Nach einem halben Jahr kann er es ganz plötzlich. Hat ein Gefühl für den Takt, versteht, worauf es ankommt, kann sich vor Tanzpartnerinnen nicht retten. Mancher von ihnen wird später Tanzlehrer.

Der Wichtigtuer. Er ist unterdurchschnittlich begabt, aber statt selber seine Schritte zu üben, geht er zum nächsten Paar und erklärt dem Mann, was der alles falsch macht. Gelegentlich unterbricht er auch den Tanzlehrer, macht Witze, die keiner so recht versteht. Die Partnerin könnte im Boden versinken.

Der Intellektuelle. Er braucht ein bisschen Zeit, bis er versteht, worum es beim Tanzen geht. Er schaut aber genau hin, hört zu und übt konzentriert mit seiner Partnerin, ohne ein Wort zu verlieren. Schon im zweiten Kurs ist er Zweitbester. Wenn der Überflieger aus Langeweile abgehauen ist, ist er Erster.

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