Welt : Ein Menschenrecht auf Stille für alle, die gegen "Zwangsbeschallung" sind

Tina Heidborn

In das Wasserrauschen der Klospülung mischt sich sanfte sphärische Harfenmusik, begleitet den Cafébesucher von der Kabine zum Waschbecken. "Diese Musik können Sie auch käuflich erwerben", verkündet eine bunte Anzeige neben dem Händetrockner. Die CD zum Toilettengang. Menschen wie Rolf Reuter aber möchten diese Musik am liebsten abschalten. Deshalb engagieren sie sich in "Pipedown", dem Zusammenschluss der deutschen Musikberieselungsgegner. Sie kämpfen, nicht nur am heutigen Aktionstag, für Stille, für eine "zwangsbeschallungsfreie Umwelt".

"Diese Musik überall ist doch eine schreckliche Belästigung", sagt Rolf Reuter. Er ist ehemaliger Chefdirigent in Leipzig und Berlin, Musiker, wie nicht wenige der Pipedown-Aktivisten, und als solcher weiß er, dass sich Töne und Stille gegenseitig brauchen. "Wenn ich in ein Gasthaus komme, dann will ich dort keine Musik hören", erklärt er. Schon gar nicht "piped music", die so genannt wird, weil die Lautsprecherkabel in Röhren verlegt werden. Oder "Muzak", wie sie auch genannt wird nach der Schutzmarke, unter der die amerikanische Firma "Muzak Corporation" 1934 das Geschäft mit der Hintergrundmusik anmeldete. Muzak soll entspannen oder zum Kauf anregen, die Gäste sich gut fühlen lassen und ihre Geldbeutel sanft öffnen. Musik mit Funktion.

"Es plärrt einem die Ohren voll, und sie nennen es Musik", sagt Reuter. Sein Problem ist, dass er über die Musik im Hintergrund einfach nicht hinweghören kann - obwohl bei Muzak meist auf Gesang verzichtet wird, weil Text zu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. "Ich kann mich auf die Gespräche nicht konzentrieren. Ich denke dauernd, ach ja, jetzt geht es in G-Dur über", beschreibt Reuter die Wirkung. Ihre besondere Sensibilität scheint Musiker als Beschallungsgegner zu prädestinieren. Die Mutterorganisation von Pipedown in England, 1994 gegründet und derzeit 4000 Mitglieder zählend, führt Alfred Brendel und Yehudi Menuhin als Unterstützer auf. Die deutschen Aktivisten berufen sich auf Promis wie Justus Frantz und Kurt Masur.

Schon vor 90 Jahren, darauf weist Pipedown-Sprecher Harald Fiedler in seinem letzten Rundschreiben hin, gab es einen "Antilärmverein" in Deutschland, der sogar monatlich ein eigenes Mitteilungsorgan verlegte. Titel: "Der Antirüpel". Untertitel: "Recht auf Stille". Vornehmliches Beschwerdeobjekt: zu laute Grammophonmusik bei geöffnetem Fenster.

Bitten, die Musik abzustellen, sich beschweren, Briefe schreiben, Gaststätten boykottieren - das empfiehlt Pipedown im Kampf gegen die aufgezwungene Musikberieselung. "Die lachen Sie aus", hat Rolf Reuter aber festgestellt. Schon zu DDR-Zeiten hat der Dirigent immer wieder um Ruhe gebeten und sich nach der Landeslärmschutzverordnung beschwert. Später beim Urlaub in Kreta, an den Stränden mit Lautsprechern im Meterabstand, ist er sogar bei der Poliezi vorstellig geworden. "Die Leute verstehen Sie nicht. Sie machen sich lächerlich", sagt er.

Heutzutage boykottiert er, falls möglich, die Muzak-Gaststätten einfach. "Schön haben Sie es hier. Aber dieser Krach...", sagt er dann, bevor er wieder rausgeht.

Andere Pipedown-Aktivisten werden da schon lauter. Da gibt es Herren, die sich nach arbeitsrechtlichen Maßnahmen gegen Musik im Büro erkundigen. In Zuschriften an die Organisation ist von "akustischer Vergewaltigung und Umweltverschmutzung" die Rede. "Es ist bei uns noch verboten, einem Menschen gegen seinen Willen Alkohol einzuflößen, ihm gegen seinen Willen Musik einzuflößen - das Ohr ist naturnotwendig ein passives Organ! - ist geduldet", schreibt ein Muzak-Geplagter.Im Internet unter home.t-online.de/home/pipedown/pipedown.htm .

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