Welt : Ein Naziorden für Charles Lindbergh

Andreas Conrad

Im Dezember 1949 erhielt Bertolt Brecht Post aus Stuttgart. Der Süddeutsche Rundfunk erbat die Genehmigung, den "Flug der Lindberghs" aufführen zu dürfen. Brecht hatte das "Radiolehrstück für Knaben und Mädchen" 1928/29 in Berlin geschrieben, begeistert von den Möglichkeiten des neuen Mediums wie von der Leistung des Amerikaners, der am 20. und 21. Mai 1927 als erster im Alleinflug den Atlantik nonstop von New York nach Paris überquert hatte. Bei allem Respekt vor dem Flieger hatte er aber dessen Namen stets im Plural genannt, um auch der Arbeiter im Flugzeugwerk zu gedenken.

Der Flug imponierte Brecht 20 Jahre später noch immer, den Namen Lindbergh aber mochte er nicht mehr hören, wie er die Stuttgarter im Januar 1950 aus Berlin wissen ließ. Der Titel des Stücks laute künftig "Der Ozeanflug", die Wörter "die Lindberghs" seien durch "die Flieger" zu ersetzen. Lindbergh habe "bekanntlich zu den Nazis enge Beziehungen unterhalten". Auch stellte Brecht dem Hörspiel einen Prolog voran: " ... der Unselige zeigte den Hitlerschlächtern das Fliegen mit tödlichen Bombern. Darum sei sein Name ausgemerzt."

Das Fliegen musste Lindbergh, dessen Geburtstag sich heute zum 100. Mal jährt, Görings Piloten nicht mehr beibringen. Dennoch spielte er bei seinen Besuchen in Deutschland eine sehr unglückliche Rolle, wie der US-Autor A. Scott Berg in seiner Lindbergh-Biografie beschreibt. Die Initiative zur ersten Deutschland-Reise war vom US-Militärattaché in Berlin, Truman Smith, ausgegangen. Smith erhoffte sich von Lindberghs Besuch Informationen über die deutsche Luftwaffe, Reichsluftfahrtminister Hermann Göring wiederum sah eine Möglichkeit, mit der eigenen Stärke zu prahlen.

Am 22. Juli 1936 schwebte Lindbergh auf dem Militärflughafen Berlin-Staaken ein. Er besuchte das Geschwader Richthofen, durfte von Tempelhof aus eine Ju 52 fliegen und besichtigte zwei Heinkel-Flugzeugwerke, ihm wurden Stukas, Bomber, Jäger vorgeführt. Die offenkundige Fähigkeit zur schnellen Produktion von Militärflugzeugen imponierte ihm, aber auch der "Geist in Deutschland". Das Land habe "eine klügere Führung, als man allgemein wahrhaben will", schrieb er.

In der US-Presse wurde der Berlin-Besuch wohlwollend aufgenommen, selbst als Lindbergh von Göring in der Wilhelmstraße empfangen worden war. Der Minister zeigte stolz die im Salon versammelten Kunstgegenstände, holte sogar ein Fotoalbum mit Militärflugplätzen hervor: "Unsere ersten 70." Militärattaché Smith frohlockte: "ein Meilenstein für die erfolgreiche Geheimdienstarbeit". Lindbergh aber reiste ab mit einem "Gefühl großer Bewunderung für das deutsche Volk", war zwar mit der Situation der Juden "nicht einverstanden", doch schien Hitler ihm viel "Persönlichkeit und Weitblick" zu besitzen.

Im Oktober 1937 war der Amerikaner erneut in Deutschland, reiste von München aus für fünf Tage durchs Land, wurde von Ernst Udet - auch er hat einen Theaterautor inspiriert, Udet ist das Vorbild zu Zuckmayers "Des Teufels General" - durch die Luftfahrtversuchsanstalt Rechlin in Pommern geführt, bekam die Me 109, den Standardjäger der Luftwaffe, vorgeführt. All dies floss in den Rapport des Attachés über die Luftwaffe ein. Frankreich sei bereits überflügelt, hieß es da, England bald eingeholt. Deutschland könne sogar mit den USA gleichziehen.

Späte Einsicht

Ein Jahr später kam Lindbergh ein drittes Mal nach Deutschland, war von Berlin - "eine gesunde, geschäftige, moderne Stadt" - noch begeisterter als beim ersten Mal, besuchte die Dessauer Junkers-Flugzeugwerke und wurde zu einem Herrenabend in die US-Botschaft eingeladen. Willy E. Messerschmitt und Ernst Heinkel waren da, auch Göring erschien, in der Tasche das Ausländern vorbehaltene Verdienstkreuz "Deutscher Adler", das er Lindbergh "auf Befehl des Führers" überreichte. Dass ihm dies viel Ärger einbringen könnte, bedachte der Amerikaner nicht, ohnehin kam die Ablehnung für ihn nicht in Frage. Bei allen Einwänden war er von Deutschland doch beeindruckt, trug sich in diesen Wochen sogar mit dem Gedanken, nach Berlin umzusiedeln. Ein Haus in Wannsee hatte seine Frau schon ausgesucht.

Nach dem 9. November, der "Reichskristallnacht", war es für ihn aber ausgeschlossen, länger in Berlin zu bleiben. Er wolle "keinen Umzug, der die deutschen Ausschreitungen gegen die Juden gutzuheißen scheint". Zweimal kehrte er vor dem Kriege noch zurück, zuletzt im Januar 1939, noch immer fasziniert von dem Land, das er als Bollwerk gegen Stalins Terrorreich verstand. Deutschland - das sei "bei aller Rohheit die zwingende Alternative zum Verfall". Irgendwann würden die Deutschen die Ausschreitungen des Naziregims schon eindämmen.

Als er 1945 durch das Außenlager Dora des KZ Buchenwald schritt, durch jene Höhlen, in denen Hitler Häftlinge für die "Wunderwaffe" V 2 schuften ließ, musste er erkennen, dass er sich geirrt hatte.

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