Welt : Ein Opfer, ein Zeuge und viele Widersprüche

Jürgen Zurheide

Die Plädoyers sind beendet, der Tatbeitrag der Angeklagten nur schwer zu beweisenJürgen Zurheide

Rudolf Esders legt den Kopf mal wieder in die rechte Hand. Für einen Moment scheint der Vorsitzende Richter sogar die Augen zu schließen. Noch während der eine oder andere der vielen Zuhörer im Raum sich fragt, ob so etwas auch einem Richter während der Verhandlung passieren kann, beugt er sich zu seinem Kollegen zur Linken und flüstert ihm einige Worte ins Ohr. Danach blickt er in den Saal. Er vermeidet geradezu, den Verteidiger Henning Plähn anzuschauen, der sich noch immer an der Frage abarbeitet, wie wenig glaubwürdig der Kronzeuge Walter Sauer in diesem Verfahren gewesen sein mag. Mal spricht Plähn von der "gnadenlosen Belastungsbereitschaft" des jungen Österreichers Walter Sauer, dann wieder wirft er dem Fotografen eine allzu ausgeprägte "Bildergläubigkeit" vor.

Sauer ist an diesem dritten Verhandlungstag in Essen vor dem Gericht erschienen. Der 18-jährige Fotograf aus Wien, der regelmäßig Bilder bei Hooligan-Schlägereien schießt, hatte als einer der wenigen Zeugen die vier Angeklagten erheblich belastet und ihre Tatbeiträge detailliert beschrieben. Alle vier müssen sich wegen versuchten Mordes und schwerer Körperverletzung vor dem Schwurgericht verantworten. Saucher ist auch der Einzige, der den Berliner Hooligan Christopher Rauch (24) ausdrücklich als Täter bezeichnet hat. Neben Rauch sitzen Tobias Reifschläger (25) aus Hamburg, Frank Renger (31) und Andre Zawacki (28) aus Gelsenkirchen auf der Anklagebank.

In ihren Plädoyers widersprechen die Anwälte Rauchs am Freitag der Darstellung des Zeugen. "Gehen Sie einem modernen Münchhausen nicht auf den Leim", appelliert Stephan Janik aus Berlin an die Strafkammer. Auch Plähn versucht als letzter in der langen Reihe der Verteidigerplädoyers das Gericht noch einmal auf die mangelnde Glaubwürdigkeit dieses Zeugen aufmerksam zu machen, aber er strapaziert damit nur noch die Geduld der Anwesenden, wie die Geste des Vorsitzenden Richters zeigt. Rudolf Esders selbst hatte am Ende der Vernehmung von Sauer klar Stellung bezogen und die Verteidiger gefragt: "Haben Sie denn Nachfragen noch nötig?" Damit gab er zu erkennen, dass er den Erzählungen des Zeugen nicht allzu viel Bedeutung beimisst. An anderer Stelle war Esders noch klarer geworden. "Er trägt das Band der Glaubwürdigkeit nicht auf der Stirn", hatte er zu Sauer gesagt.

Dabei war Sauer einer der wenigen Zeugen ohne Gedächtnislücken im Essener Gerichtssaal. Er hat präzise beschrieben, was er am 21. Juni des vergangenen Jahres in jenen Minuten vor dem Weltmeisterschaftsspiel der Deutschen in der Rue Prevost gesehen hat, die das Leben des französischen Gendarmen Daniel Nivel auf so entsetzliche Weise verändert haben. Sauer will gesehen haben, wie die vier jetzt in Essen Angeklagten in Lens mit unglaublicher Brutalität auf den Polizisten eingeschlagen haben, immer heftiger und aus unterschiedlichen Stellungen. Mal gab es Fußtritte, erst vor die Brust, dann auf den Kopf und schließlich hat jemand mit einem Schild auf den schon am Boden liegenden Mann eingeprügelt. "Flach, Kante, Kante, Flach", hat Sauer dazu gesagt und diesen Tatbeitrag einem der Essener Angeklagten zugeschrieben. Die haben unbeteiligt zur Seite gesehen, als Sauer erzählte.

Immerhin hat keiner der vier Angeklagten bestritten am Tatort gewesen zu sein. Bis auf den Christopher Rauch, dessen Verteidiger Plähn jetzt einen Freispruch fordert, haben sie auch zugegeben, den am Boden liegenden Gendarmen getreten zu haben. "Es ist schlimm, was da passiert ist", sagt etwa Andre Zawacki in seinem Schlusswort, "aber was der Staatsanwalt mir unterstellt, so war es nicht". Der Ankläger hält Zawacki für den Mann, der mit einem Gegenstand auf Nivel eingeprügelt hat und verlangt eine 14-jährige Haftstrafe. Selbst Christopher Rauch, der nicht ganz so im Mittelpunkt gestanden hat, soll nach dem Willen des Staatsanwaltes für sechs Jahre hinter Gitter.

Die Richter werden am kommenden Dienstag ihr Urteil sprechen. Sie werden die Zeugenaussagen von Sauer werten müssen, der eher zu viel erzählt hat. Daneben müssen sie mit den vielen Hooligans leben, die in Essen an kollektivem Gedächtnisschwund gelitten haben und sich nur zu gerne auf ihr Recht auf Aussageverweigerung beriefen. Andererseits werden dem Gericht die Fotos helfen, die Sauer geschossen hat - auch jenes Foto, auf dem ein Mann mit nacktem Oberkörper auf Daniel Nivel einschlägt, das um die Welt gegangen ist. Trotz seiner schweren Behinderung will auch Daniel Nivel den Urteilsspruch verfolgen. Sein Anwalt kündigte am Rande der Verhandlung an, der Gendarm wolle am kommenden Dienstag zur Urteilsverkündung nach Essen kommen.

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