Welt : Ein rasendes Gefühl

Drängler nötigen andere Verkehrsteilnehmer, heißt es. Dabei fühlt sich der Drängler selbst genötigt

Andreas Oswald

Der Mann hatte es eilig. Mitten im Berufsverkehr wechselte er mit seinem kleinen Auto immer wieder die Spur, flitzte zwischen den Stoßstangen der anderen hin und her, schaffte es bei Gelb über die Kreuzung und gewann mit seiner Fahrweise Sekunde um Sekunde. Bei seiner rasanten Fahrt durch die vollen Straßen heftete sich ein Verkehrdrowdy mit einem tiefer gelegten, rostigen Polo an seine Stoßstange und jagte ihm hinterher.

Warum sind die anderen so langsam?

Der Mann empfand es als Kompliment, einem anderen die Fahrt freischaufeln zu können. Bis zur nächsten roten Ampel. Da stürmten aus dem rostigen Polo plötzlich vier Männer auf ihn zu, die aussahen, als wären sie Skinheads.

Es waren Polizisten. Der Fahrer und Chef der Zivilstreife sagt dem Mann: „Sie hatten mich zwischendurch abgehängt.“ Er sagt es mit einer Mischung aus sportlicher Bewunderung und einer Tonlage, die andeutet, dass er es gar nicht mag, wenn einer schneller ist als er. Dann sagt er ernst: „Ist Ihnen klar, dass bei Ihrer Fahrweise andere Verkehrsteilnehmer, die weniger auf Zack sind, keine Chance haben, vernünftig zu reagieren?“ Das hatte sich der Mann überhaupt nicht klar gemacht. Er wollte rechtzeitig zu seinem Termin. Was kümmern ihn da Leute, die aus unerfindlichen Gründen für sich beschlossen haben, langsam zu fahren? Der Mann hat Glück. Die Polizei lässt ihn mit einer Geldbuße von 35 Euro davonkommen.

Wer ist ein Raser? Kaum jemand gibt zu, dass er ein Raser ist. „Viele Raser haben nicht das Rasen im Kopf, sondern den nächsten Termin, zu dem sie zu spät kommen“, sagt Bodo Hintze, Verkehrspsychologe vom Tüv Nord. „Das Auto vor ihm hindert ihn daran, rechtzeitig das Ziel zu erreichen. Insofern hat er nicht das Gefühl, dass er andere nötigt. Vielmehr denkt er, die anderen nötigen ihn, weil sie ihn daran hindern, voranzukommen.“

Ähnliches passiert an einer roten Ampel. Ungeduldig wartet der Raser. Es wird grün, vor ihm tut sich sekundenlang nichts. „Schlafen die alle“, fragt sich der Raser, „merken die überhaupt nicht, dass es grün geworden ist?“ Der Raser hat das Gefühl, dass alle anderen außer ihm sich falsch verhalten. „Indem er schnell die Spuren wechselt und sich vorschlängelt, zwischendurch die Busspur benützt, denkt er, dass er die Fehler der anderen korrigiert“, sagt Professor Wilfried Echterhoff, Verkehrspsychologe an der Universität Wuppertal. Er demonstriere das Korrigieren mit seiner Fahrweise und lege sich damit den Beweis vor, dass er selber richtig handelt.

„Nicht alle Raser sind gleich und nicht jeder, der gelegentlich auf der Autobahn sehr schnell fährt, ist ein Raser“, sagt Franz Schibalski, Verkehrspsychologe des ADAC. Gefährliche Raser hätten aber vor allem eines gemeinsam: mangelnde Selbstkontrolle und eine große Toleranz gegenüber eigenem Kontrollverlust. Handele ich verantwortungsbewusst? Gefährde ich mich? Gefährde ich andere? Solche Fragen kommen in der Gedankenwelt des Rasers nicht vor. „Er denkt ausschließlich egoistisch an seine Ziele“, sagt Schibalski.

Laut Echterhoff haben viele Raser Minderwertigkeitsgefühle. Sie verschaffen sich Erleichterung, indem sie andere abwerten. Durch einen solchen „Abwärtsvergleich“ beim schnellen Überholen des anderen fühle sich der Raser besser.

Wie viele Raser gibt es? „Die Zahl derer, die 18 Punkte in Flensburg haben, liegt im Promillebereich“, sagt Schibalski. Es sind offenkundig nur wenige, darüber sind sich Experten einig. „Bei einem halben Prozent kann asoziales Verhalten schnell aktiviert werden“, sagt Echterhoff. Der Psychologe weist darauf hin, dass Raser eine starke innere Unruhe verspüren. Stehenbleiben ist für sie schier unerträglich. Oft kaufen sie gebrauchte schnelle Autos, weil sie sich neue nicht leisten können. Oder sie suchen sich einen idealen Beruf: Als Testfahrer können sie ein Traumauto mit 350 PS fahren. Und endlich allen zeigen, wer sie wirklich sind.

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