Welt : Ein Richter unter Druck

Matthias Thibaut[London]

Spekulationen über verborgene Hintergründe des Unfalltods von Prinzessin Diana erhalten durch den Rücktritt des zuständigen „Coroners“ jetzt neuen Auftrieb. Michael Burgess, der Richter, der im August nach langen Ermittlungen das Verfahren zur Feststellung von Dianas Todesursache hätte eröffnen sollen, gab zu, dass ihm die Sache über den Kopf wächst – auch wenn er das vornehmer formuliert: „Diese Untersuchung ist für einen Coroner mit seinen beschränkten Ressourcen und seinen vielen anderen Verpflichtungen zu aufwändig.“ Burgess bat seine Behörde, die Untersuchung einer „erfahrenen Persönlichkeit des Justizwesens“ zu übertragen. Die Queen wurde informiert.

Seit Prinzessin Diana und ihr Liebhaber Dodi Fayed im Sommer 1997 in einem Mercedes im Alma Tunnel an der Seine in Paris tödlich verunglückten, wird spekuliert: War Diana schwanger? Befanden sich Drogen in ihrer Handtasche? Welche Rolle spielte der Fahrer des Unglückswagens, Henri Paul? War er betrunken, nahm er Drogen, wurden ihm Drogen verabreicht, oder stand er gar im Sold eines Geheimdienstes? Eiserne Diana-Fans meinen, dass das britische Königshaus die populäre Prinzessin als Störfaktor aus dem Wege räumen wollte.

Burgess sollte all das endgültig klären. Bei unnatürlichen oder zweifelhaften Todesfällen muss ein Coroner ein Urteil über die Todesursache fällen. Burgess war als Leichenbeschauer der Grafschaft Surrey auch für andere Todesfälle in der königlichen Familie zuständig. Als er den Fall 2003 übernahm, zeigte er, wie ernst er die Aufgabe sah: Er beauftragte den früheren Scotland-Yard-Chef John Stevens mit einer gründlichen Untersuchung.

John Stevens, inzwischen im Ruhestand, sammelte für rund drei Millionen Pfund 1500 Zeugenaussagen, verhörte Prinz Charles, ließ die Trümmer des Unfallwagens nach England bringen, häufte ein Dossier mit 20 000 Dokumenten an und erregte die Diana-Kultgemeinde erst im Mai mit Hinweisen, er habe „wichtige neue Erkenntnisse“ gewonnen: „Der Fall ist unendlich komplizierter als irgendjemand dachte“, sagte er geheimnisvoll.

Während Burgess jetzt Überlastung als Rücktrittsgrund anführt, vermuten Zeitungen, er sei die Beeinflussungsversuche leid, durch die er von allen Seiten unter Druck gekommen sei. Demnächst hätte er den Umfang des Verfahrens festlegen müssen. Die Königliche Familie habe ein kurzes, schnelles Verfahren gefordert. Dodis Vater, Kaufhausbesitzer Mohammed Fayed, wollte genau das Gegenteil. Die britische Regierung soll sich eingemischt haben, um einen Skandal zu verhindern. Dann wurde seine Zuständigkeit bezweifelt: Erst nachdem sein Vorgänger die Sache erst an sich gerissen und dann verschleppt hatte, übernahm Burges – auch dies ein königliches Komplott? Sicher ist nur eins: Für Spekulationen ist jetzt erst einmal wieder viel Zeit.

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