Welt : Ein rosa Kleid für Selene

Viele Japaner behandeln ihre Haustiere wie Prinzessinnen – doch die extreme Aufmerksamkeit hat auch eine dunkle Seite.

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Verhätschelt und herausgeputzt. Stolz zeigen Japanerinnen ihre Pudel in aller Öffentlichkeit. Foto: Toshifumi Kitamura/AFP
Verhätschelt und herausgeputzt. Stolz zeigen Japanerinnen ihre Pudel in aller Öffentlichkeit. Foto: Toshifumi Kitamura/AFPFoto: AFP

Sauna, Sonnenbrille, Strampelanzug. Nirgendwo auf der Welt leben Haustiere majestätischer als in Japan. Aber dieser Umgang mit Tieren hat nicht nur eine liebevolle und absurde Seite, sondern auch eine grausame.

Im „Venus Fort“ ist eine tierische Hölle los. Durch den Haupteingang des Einkaufszentrums stolzieren Herrchen, meistens aber Frauchen, die ihre Chihuahuas, Yorkshire Terrier und Border Collies ausführen. Die meisten Tiere sind in Begleitung von ein, zwei, manchmal vier Artgenossen. Einige schlittern über den blankgeputzten Kunststoffboden, andere lassen sich im Buggy schieben oder auf dem Arm tragen. Links und rechts sehen sie zwischen Haushalts- und Elektronikläden ein Geschäft nach dem anderen, das nur für sie da ist.

Im Laden „Jewel Cake“ gibt es Hundebuggys im Sonderangebot, Badeanzüge und Sporttrinkflaschen. Ein anderes Geschäft bietet Hundekekse mit verschiedenen Geschmäckern, für Morgen, Mittag und Abend. Ein Stück weiter prangen Rucksäcke, in denen ein kleiner Hund verschwinden kann, und solche, die Hunde selbst auf dem Rücken tragen sollen. Auch Färbungsmittel fürs Fell ist in allen möglichen Mustern erhältlich – Tiger, Zebra, Panda.

Im größten Laden der Mall, „Pet Paradise“, warten neben Hundewattestäbchen und Zahnbürsten noch Nagellack, Sonnenbrillen, Gürtel und Jacken. Selbst für den Fall, dass sich der lebendige Hund einmal einsam fühlt, ist gesorgt: So einen wie ihn gibt es auch als Kuscheltier, mit dem er spielen kann. Das Design der Wände und Regale ist weiß und rosa, im Stile eines Mädchenkinderzimmers. Und glaubt man den Verkäuferinnen, richtet sich das alles hier auch nach dem Geschmack der eigentlichen Kunden. „Die Hunde freuen sich immer“, sagt die Angestellte Saki Obana und kichert.

Wie viele Japaner ist sich Obana sicher, dass einem Haustier Gutes getan wird, wenn man es behandelt wie eine Prinzessin. Ein Prinzip, das funktioniert. Die Haustierbranche setzt in Japan jedes Jahr umgerechnet acht Milliarden Euro um. Nur in den bevölkerungsmäßig größeren USA wird mehr Geld ausgegeben. Neben Accessoires gibt es Thermalbäder, Kuren, Hotels, Schwimmkurse und Bestattungsinstitute. Denn japanische Liebhaber schätzen Tiere nicht bloß als Tiere. Man sucht einen Freund, ein Kind, vielleicht sogar einen Partner.

Doch nicht alle Tiere werden verhätschelt. Es gibt auch eine dunkle Seite. In Osaka, der zweitgrößten Metropole Japans, weiß die Tierschützerin Elizabeth Oliver, die in den 1980er Jahren nach Japan kam, gut darüber Bescheid. Den üblichen Umgang mit Tieren in Japan findet die Britin bigott: „Hier gibt es diese zwei Extreme. Das eine ist das übertriebene Beschützen mit zu viel Aufmerksamkeit, Beauty und Sauberkeitswahn. Auf der anderen Seite leben gerade außerhalb der großen Städte unzählige Tiere völlig ohne Liebe, verwahrlost oder misshandelt.“ Immer wieder werden Tiere planmäßig getötet. Zahlen der Regierung zeigen, dass jährlich mehr als 200 000 verlassene oder gezüchtete, aber nicht verkaufte Tiere eingeschläfert werden. Ungefähr alle zweieinhalb Minuten, an jedem Tag, geht eines solcher Leben verloren. Mehr als acht von zehn Tieren, die in Heimen abgegeben werden, sterben dort auch. Ein im internationalen Vergleich hoher Wert. Ein Viertel sind Hunde, der Rest vor allem Katzen. Nur elf Prozent der Ankömmlinge finden ein neues Zuhause. Für ältere Tiere stehen die Chancen besonders schlecht.

In den öffentlichen Heimen von Tokio, wo viele der Tötungen stattfinden, entscheiden die Angestellten vor allem anhand des Alters, ob sie ein Tier für mehr als eine Woche beherbergen, um auf einen Abnehmer zu warten. Am Ende werden sie eingeschläfert. Von Tierschützern weltweit wird Japan für die Tötungen immer wieder kritisiert. Die Beamten argumentieren mit Kosten: es sei eben der günstigste Weg, Platz für neue, jüngere Tiere im Heim zu besorgen. „Selbst wer bereit ist, einen Hund vom Heim zu adoptieren“, sagt Elizabeth Oliver, „ist fast immer auf der Suche nach Welpen“.

Den Kunden in Geschäften wie „Pet Paradise“ geht es da ähnlich. Ihre Hündchen kaufen sie im jungen Alter. Sie selbst sind meist weiblich, zwischen 20 und 50 Jahre alt, ohne Kinder. „Viele kommen einmal pro Woche, manche häufiger“, sagt Saki Obana. Pro Besuch werden allein für Kleidung zwischen 40 und 50 Euro hingeblättert. „Manche geben aber viel mehr aus.“ Am besten gehe das gestreifte Kostümchen mit kurzer Rüschenhose, das es im Matrosen- oder Skaterlook gibt. 30 Stück pro Woche verkauften sich davon.

Saki Obana zählt sich selbst zur Zielgruppe. Und weil sie im Laden Prozente erhält, schlägt sie regelmäßig zu. Schließlich erwartet sie daheim, täglich nach der Arbeit, ihr weiblicher Border Collie Selene, die sich immer über Überraschungen freue. Vor einigen Tagen erst habe sie ihr ein rosa Kleid gekauft, das dritte in diesem Monat. „Rosa passt zu ihr, weil Selene immer froh ist. Und sie sieht so süß aus, wenn ich ihr das anziehe.“ Einen Freund hat Saki Obana nicht, wie die meisten Besucherinnen. Weil immer mehr Frauen ihre Karriere der Familiengründung vorziehen, trotzdem aber den Wunsch nach einem Kindersatz haben, steigt die Anzahl der Hunde seit Jahren. „Die Tiere übernehmen die Rolle eines Kindes“, sagt Naohiro Ogawa, Bevölkerungsökonom an der Nihon Universität in Tokio, der über Japans schrumpfende Gesellschaft forscht. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau liegt nur noch bei 1,3. Die Zahl der Haustiere beträgt nach offiziellen Schätzungen auf 22 Millionen, deutlich mehr als die 16,5 Millionen Kinder unter 15 Jahren.

Nicht jeder heißt diese Entwicklung gut, doch hat sich die Öffentlichkeit längst damit abgefunden. Im Nachmittagsfernsehen werden regelmäßig Trends aus der Haustierwelt besprochen, an sonnigen Tagen flanieren auch kinderlose Paare mit ihren Hündchen durch die Stadt – offensichtlich, um gesehen zu werden. Gucci und Prada vertreiben längst Haustiermode.

Dabei geht der Boom der Haustierbranche, der selbst in der Wirtschaftskrise angehalten hat, mit der grausamen Seite desselben Geschäfts einher. Neben Umsätzen für Hundezahnpasta oder HundeThermalbädern hat auch die Zahl der Tötungen in den letzten Jahren zugenommen. Saki Obana will davon nichts wissen: „Unsere Kunden lieben ihre Hunde und würden ihnen nie etwas zustoßen lassen.“ Dass auf drei der jährlich 600 000 in Japan verkauften Schoßhündchen immer auch ein eingeschläfertes Tier kommt, das nicht verkauft werden konnte, ist für Elizabeth Oliver, die seit 1990 ein Tierheim betreibt, nicht voneinander zu trennen: „Es ist wünschenswert, wenn Herrchen ihre Hunde lieben. Aber durch diesen extremen Konsum stützen sie ein System, in dem Massenzucht und Überproduktion lukrativ sind.“

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